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Analyse
«Pharmabranche hat Vorteile dank starkem Franken»

Pillen: Sie werden für die Schweizer Exportindustrie immer wichtiger. Flickr/Jamie

Die Schweizer Exporteure haben zum Erfolg zurückgefunden. Doch hinter dem Aufschwung im Aussenhandel stecken vor allem Pharmafirmen. Ein Experte erklärt, ob die Schweiz auf die Branche zählen kann.

Von Marc Bürgi
am 20.10.2016

Die Schweizer Exporteure sind im Aufwind. Auch im dritten Quartal konnten die Unternehmen ihre Verkäufe im Ausland kräftig steigern, wie heute bekannt wurde. Die Schweizer Ausfuhrwirtschaft hat mittlerweile den Schock vom Ende des Euro-Franken-Mindestkurses mehr als wettgemacht.

Doch die Erholung ist vor allem einer Branche zu verdanken: Den Schweizer Pharmakonzernen, welche im Ausland glänzende Geschäfte machen. Die Basler Industrie wird somit für den Schweizer Aussenhandel immer wichtiger. handelszeitung.ch wollte vom Experten Markus Schmieder wissen, ob sich die Schweiz über das zunehmende Gewicht von Roche, Novartis & Co. Sorgen machen muss.

Pharmaprodukte machen einen immer grösseren Anteil an den Schweizer Exporten aus. Ist das ein Problem?
Markus Schmieder*: Die Pharmaindustrie ist im Gegensatz zu den anderen Schweizer Industrien in den letzten Jahren sehr stark gewachsen – mittlerweile beträgt ihr Anteil an den Exporten ein Drittel. Das ist ja grundsätzlich positiv und eine Stütze für die Exportindustrie in diesen schwierigen Zeiten. Man darf aber nicht vergessen, dass in den letzten Monaten auch die traditionellen Industrien wie die Maschinenindustrie wieder etwas Boden gefunden haben.

Besteht kein Klumpenrisiko für die Schweizer Wirtschaft?
Das Klumpenrisiko ist gegeben. Die Frage ist, ob man das verhindern soll. Wenn es der Pharmaindustrie gut geht, hat das ja keine negativen Folgen für andere Industrien.

Es stellt sich aber die Frage, ob die Pharmaindustrie weiterhin so stark wachsen wird. Könnte die Erfolgsgeschichte bald einmal zu Ende gehen?
Ich denke die Nachfrage ist intakt. Es sind langfristige Trends, welche die Nachfrage nach Pharmaprodukten bestimmen. Weltweit altert die Bevölkerung – somit steigt der Bedarf an Medikamenten. Dann wächst auch der Wohlstand in den Schwellenländern, und damit deren Nachfrage nach Pharmaprodukten. Und schliesslich führt der technische Fortschritt dazu, dass immer mehr medizinische Produkte auf den Markt kommen.

Ist für die Pharmaindustrie der starke Franken kein Problem?
Das hat man in den letzten zwei Jahren auf jeden Fall so beobachten können. Die Umsätze sind eher unabhängig vom Wechselkurs. Die Investitionen der Pharmafirmen sind langfristig ausgerichtet, besonders in der Forschung und Entwicklung. Wenn der Wechselkurs rasch ändert, werden solche Investitionen nicht einfach abgesagt.

Wieso investieren Pharmafirmen denn derart langfristig?
Bis in die frühen 1990er-Jahre war die Schweiz für die Pharmafirmen ein klassischer Produktionsstandort. Seitdem ist die Schweiz für die Branche immer mehr zu einem «Innovation Hub» geworden, den sie für Forschung und Entwicklung nutzt. Da hilft eine starke Währung sogar: Sobald viel Kapital benötigt wird, ist eine starke Währung ein Vorteil. Die Unternehmen können beispielsweise hohe Löhne zahlen und sich günstig refinanzieren. Die Pharmakonzerne haben mindestens so viele Vorteile durch den starken Franken wie Nachteile.

Spielt der Wechselkurs für Phamakonzerne auch eine kleine Rolle, weil sie die Preise für ihre Produkte ziemlich frei gestalten können?
Das ist je nach Land unterschiedlich. Aber die Position bei Preisverhandlungen ist sicher eine westlich bessere als etwa in der Maschinen- und Metallindustrie.

Aber nun geraten in den USA die Medikamentenpreise unter Druck: Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hat versprochen, die Preise zu senken. Könnte das ein Problem für die Schweizer Exporteure werden?
Hillary Clinton hat dies im Wahlkampf versprochen. Was dabei herauskommt – falls sie dann wirklich zur Präsidentin gewählt wird – weiss man nicht. Fakt ist: Als Clinton davon gesprochen hat, kamen die Aktien der Pharmakonzerne an der Börse unter Druck. Es ist auf jeden Fall ein Thema. Doch die USA sind zwar ein wichtiger und wachsender Markt für die Schweizer Pharmakonzerne, aber es ist nicht der einzige. 2015 machten die USA rund 15 Prozent vom Umsatz der Schweizer Pharmakonzerne aus. Zum Vergleich: 50 Prozent des Umsatzes gehen in die Europäische Union. Die Nachfrage ist relativ breit abgestützt.

*Markus Schmieder ist Ökonom bei der Zürcher Beratungsfirma Wellershoff & Partners. Er ist auf die Schweizer Wirtschaft sowie ökonometrische Modelle spezialisiert.

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