«Geschichte wiederholt sich nicht, und wenn, dann nur als Farce.» So sprach die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2010 frei nach Karl Marx. Das Thema war nicht die Situation in Griechenland, sondern der deutsche Wahlkampf. Kurz darauf musste sie das erste Rettungspaket für die Griechen verhandeln.

Und genau hier scheint sich die Geschichte doch zu wiederholen: beim rhetorischen Wettrüsten kurz vor dem Auslaufen eines Rettungspaketes für Griechenland. Die derzeitige Anspannung erinnert an 2010 und 2012, als es um die ersten beiden Hilfsprogramme ging.

Die Renaissance des «Grexit»

Bis Ende Februar muss eine Lösung gefunden werden, sonst droht die Staatspleite. Heute muss Finanzminister Yanis Varoufakis in Griechenland die erste Feuerprobe bestehen, wenn er in Brüssel auf seine Amtskollegen der Euro-Gruppen trifft und mit ihnen über Lösungen verhandelt. Eine Rückkehr in das Rettungsprogramm hatte Griechenlands Premier Alexis Tsipras in seiner Regierungserklärung erneut ausgeschlossen. In der Nacht zum Mittwoch sprach ihm das Parlament das Vertrauen aus und stimmte damit seinem Kurs zu.

Vor diesem Hintergrund  erlebt der Begriff des «Grexit», eines Euro-Austritts Griechenlands, seit Ende 2014 eine schmerzhafte Renaissance. Am Montag spielte die britische Regierung Szenarien für die Folgen eines solchen Schrittes durch. Berlin prüfte diese wohl bereits Anfang Januar, noch vor dem Wahlsieg des linken Syriza-Bündnisses. Analysten der Berater-Sparte des «Economist» sehen das Risiko eines «Grexits» bei mittlerweile 40 Prozent. Die Ratingagentur S&P hält den Austritt mittlerweile für verkraftbar für die anderen Euro-Länder.

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Auch die Schweizerischen Behörden prüfen in regelmässigen Abständen verschiedene Optionen, ebenso die Nationalbank. «Wir beobachten die Lage aufmerksam», sagt Mario Tuor, Sprecher des Schweizerischen Staatssekretariats für Internationale Finanzfragen (SIF). Solche Gedankenspiele seien allerdings Teil der üblichen Praxis. Ob derzeit ein besonderer Fokus auf Griechenland liege, dazu wollte sich Tuor nicht äussern. «Man darf nicht mit einer Debatte darüber die Möglichkeit eines Grexit noch bestärken.»

Griechenlands Flirt mit Russland

In Europa stehen derweil Panikmacher gegen Pragmatiker. Griechenlands Flirt mit Russland befeuerte nochmals eine Konfrontation. Verteidigungsminister Panos Kammenos – der vor kurzem einen diplomatischen Zwischenfall mit der Türkei provozierte, als er mit einem Helikopter um eine von beiden Nationen begehrte Insel flog – drohte mit der Suche nach anderen Geldgebern. Falls Deutschland unnachgiebig bleibe, müsse sich sein Land nach Alternativen umsehen, sagte der Politiker laut Reuters. «Das wären am besten die USA, aber es könnten auch Russland oder China oder andere Länder sein.»

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann konterte, es sei an Griechenland, sich mehr anzustrengen. «Ich bin der festen Überzeugung, dass Griechenland seine Probleme auf Dauer nur lösen kann, wenn es seine Staatsfinanzen solide aufstellt und seine Wirtschaft wettbewerbsfähiger macht», sagte Weidmann in einem Interview am Rande einer G20-Konferenz in Istanbul.

Sechs Monate mehr Zeit

Und doch machen versöhnliche Töne Hoffnung darauf, dass die Debatte ein weiteres Mal ein gutes Ende nimmt. Die EU-Kommission will Griechenland sechs Monate Zeit für eine Einigung mit den Gläubigern geben, erfuhr die Nachrichtenagentur «Market News International» (MNI) laut SDA von einem hochrangigen Kommissionsvertreter. Dieser Kompromissvorschlag solle heute auf dem Treffen der Finanzminister vorgelegt werden. In den sechs Monaten soll über alle offenen Fragen und die Zeit nach dem bisherigen Hilfsprogramm gesprochen werden.

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