Während die Euro-Zone im Schuldenstrudel versinkt, glänzt die Schweiz als Muster­schülerin. Tiefe Schulden sind ihr Marken­zeichen. Kantone und Gemeinden setzen alles daran, dass das auch so bleibt – und setzen auf kreative Buchführung. Sie stellen ihre Rechnungslegung derzeit auf einen neuen Standard um. Die Staatsrechnung soll transparenter und besser vergleichbar werden. So soll die ­finanzielle Situation wahrheitsgetreu wiedergegeben werden. Fünf Kantone machten den Schritt bereits. 2012 stellen sieben weitere ihre Buchhaltung um, der Rest und die meisten Gemeinden folgen bis 2018 nach.

Die ersten Erfahrungen sind ernüchternd. Die Kantone verwirklichen das Prinzip Bilanzwahrheit selektiv und nehmen vor allem jene Anpassungen vor, die ihre Rechnung schöner erscheinen lassen. Sie werten Schulhäuser, Mehrzweckge­bäude, Strassen auf. Der Kanton Zürich verdreifachte sein Eigenkapital dadurch auf einen Schlag, auch der notorisch klamme Kanton Genf rechnete sich reich. Auf der anderen Seite verzichteten die Kantone ­jedoch auf die Bilanzierung der Verpflichtungen aus ihren maroden Pensionskassen.

Die Stadt Winterthur will jetzt die ­Umstellung gar vorziehen, um mit der Aufwertung den Sanierungsbeitrag für die Pensionskasse verrechnen zu können. Der Stadtrat bezeichnet das Vorgehen als «Zauberformel». Dabei steht die Stadt ­finanziell nicht besser da als vorher und muss sich verschulden, um das Loch in der Pensionskasse zu stopfen. Der Kanton Bern plant ebenfalls, die Rechnungsumstellung für die Lösung des Pensionskassenproblems zu nutzen.

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«Wenn wir jetzt stille Reserven auf­lösen und sie dem Eigenkapital gutschreiben, dann geben wir den Politikern und Stimmbürgern das Gefühl, sie hätten einen grösseren Spielraum», warnt Rechnungslegungsexperte Matthias Lehmann. «Es könnte ein Kollateralschaden dieser Aufwertungen sein, dass wir eine Generation von Politikern bekommen, die aufs Schuldenmachen setzt.»