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Starker Franken: Jobabbau in der Schweiz verschärft sich

Der Frankenschock hat die Schweizer Unternehmen vor allem zu einer Massnahme getrieben: Sie senkten die Preise. Der Stellenabbau könnte sich nun verstärken, erwarten die Konjunkturexperten der Kof.

Veröffentlicht am 05.08.2015

Im letzten halben Jahr haben Schweizer Unternehmen vor allem mit einer Strategie auf den Frankenschock reagiert: Sie senkten die Preise. Dadurch gingen die Erträge zurück. Nun müssen aber die Kosten den Erträgen angepasst werden. Konkret dürfte das heissen: Jobabbau.

Der Stellenabbau könnte sich im zweiten Halbjahr verstärken, sagte Klaus Abberger von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (Kof) am Mittwoch vor den Medien. Die Kof stellte die Resultate ihrer jüngsten Konjunkturumfrage vor: Von den 4500 Firmen, die geantwortet hatten, wollen rund ein Fünftel Stellen abbauen. Lediglich acht Prozent sagten, sie wollten Leute einstellen.

Das Mittel, um überhaupt im Geschäft zu bleiben

Vor allem bei Unternehmen aus der Industrie, dem Handel und der Hotellerie könnte es zu einem Abbau kommen. Diese Branchen haben am stärksten unter der Aufhebung des Euro-Mindestkurses gelitten, wie die Daten der KOF zeigen. Und sie haben die Preise gesenkt. «Das war das Mittel, um weiter im Geschäft zu bleiben», sagte Abberger. Ein teures Mittel: Denn mit den Preisen sanken naturgemäss die Erträge.

Während die Erträge zurückgingen, blieben die Kosten in manchem Unternehmen vorerst unverändert. Das dürfte sich nun ändern, sagte Abberger: «Nach der Ertragsseite im ersten Halbjahr kommt nun die Kostenseite.» Jetzt müsse beides wieder in Übereinstimmung gebracht werden. Und auf der Kostenseite sei eine wichtige Stellschraube das Personal. Welche Regionen der Schweiz sind am stärksten betroffen? Vor allem die industriestarken Kantone leiden unter der Frankenstärke, so Abberger (siehe Video). Am besten hingegen gehe es der Finanzwirtschaft.

Starke Auswirkungen

Ein halbes Jahr ist es her, seit die Nationalbank den Euro-Mindestkurs hat fallen lassen. Die Auswirkungen der darauffolgenden Frankenaufwertung waren stark: Das Bruttoinlandprodukt schrumpfte. Der Anteil jener Firmen, die ihre Geschäftslage als schlecht beurteilten, stieg stark an. Mittlerweile ist die erste Schockwelle überstanden. «Nach einem sehr schwierigen ersten Halbjahr, deutet sich eine Stabilisierung an», sagte Abberger. Konkret bedeutet das, dass die Unternehmen ihre Geschäftslage im Juli zumindest nicht noch schlechter einschätzten als in den letzten Monaten.

Merklich verbessert hat sich die Situation aber auch nicht. Nach der Aufhebung des Mindestkurses war der Geschäftslageindikator der Kof auf den tiefsten Stand seit 2009 eingebrochen. Seither verharrt er ungefähr dort. «Die Wirtschaft ist noch nicht wieder im Normalmodus», sagte Abberger. Wenn von einer Erholung gesprochen werden kann, dann vor allem bei den binnenorientierten Unternehmen: «Hier gibt es die deutlichsten Entspannungstendenzen», sagte Abberger.

Unterdurchschnittliche Auslastung

Getroffen hat der Frankenschock aber auch diese Firmen, die ihre Produkte in der Schweiz verkaufen. Denn auch ihre Produkte werden gegenüber den ausländischen teurer, was beispielsweise zu Einkaufstourismus verleitet. Dass auch die binnenorientierten Unternehmen unter der Aufwertung leiden und nicht nur die exportierenden, gehe oft vergessen, heisst es in einer KOF-Studie. So zum Beispiel der Detailhandel: gemäss der KOF-Umfrage haben die Detailhändler den Eindruck, es seien deutlich weniger Menschen in den Geschäften als vor einem Jahr. Zudem stiegen die Lagerbestände deutlich an. Das bedeutet, dass mehr unverkaufte Ware in den Lagern liegt.

Auch in der Industrie leiden sowohl die export- als auch die binnenorientierten Firmen. Die Branche traf es ebenfalls hart. Die Maschinen und Geräte sind unterdurchschnittlich ausgelastet und der Bestellungseingang ist deutlich niedriger als vor einem Jahr.

Grosshandel mit erheblichen Schwierigkeiten

Dass die Industrie Schwierigkeiten hat, zeigt auch die regionale Betrachtung: Am stärksten unter der Frankenaufwertung leiden die Ostschweiz und die Nordwestschweiz – «grenznahe Regionen mit einer starken Industrie», wie Abberger sagte.

Da der Detailhandel und die Industrie versuchen, den eigenen Preisdruck weiterzureichen, hat auch der Grosshandel erhebliche Schwierigkeiten. Dessen Geschäftslage hat sich auch im letzten Monat nochmals verschlechtert. Im Gegensatz zu den anderen Branchen ist hier also noch keine Stabilisierung in Sicht.

Zimmer spärlich belegt

Neben dem Detailhandel, dem Grosshandel und der Industrie leidet auch die Hotellerie stark: Deren Zimmer sind nur spärlich belegt. Man rechnet damit, dass die Preise weiter sinken müssen. Nicht so in der Gastronomie: Hier hat das gute Wetter den Einbruch wettgemacht. Mittlerweile wird die Geschäftslage sogar als besser eingeschätzt als zu Beginn des Jahres.

Auch den Finanzsektor liess der Frankenschock weitgehend unberührt. Es habe zwar Verschiebungen innerhalb der Banken gegeben, sagte Abberger. Das Zinsgeschäft laufe wegen der tiefen Zinsen sehr schlecht. Das könne aber mit dem Handels- und Kommissionsgeschäft kompensiert werden. In der Baubranche gab es eine leichte Abkühlung. Angesichts der vorherigen Boomphase sprach Abberger allerdings von einer «Bewegung zurück in den Normalbereich».

(awp/sda/moh)

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