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Aufschwung
Starker Sommer für die Schweizer Wirtschaft

Schweizer Schweisser: Die Industrie expandiert 2018 kräftig. Keystone

Ungeachtet der Meldungen über Stellenstreichungen expandiert die Schweizer Industrie kräftig. Die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Selbst die Industrie will neue Jobs schaffen.

Von Mathias Ohanian
am 07.06.2017

Zurück in den unsichersten Zeiten nach dem Frankenschock wähnte so mancher Pessimist die Schweizer Wirtschaft vor wenigen Tagen. Zunächst hatte das Traditionsunternehmen Ammann in Langenthal die Verlagerung von 130 Jobs nach Deutschland und Italien bekannt gegeben. Keine 48 Stunden später vermeldete Landis + Gyr, 60 Stellen ins Ausland verschieben zu wollen. Für Arbeitnehmervertreter ein Horrorszenario: Die Häufung der Verlagerungen von qualifizierten Stellen aus der Schweiz bereite ihm Sorgen, so Christof Burkard vom Lobbyverband Angestellte Schweiz. «Die industrielle Basis wird so immer dünner und droht irgendwann wegzubrechen.»

Tatsächlich jedoch sind Meldungen von Ammann und Landis zunehmend Einzelfälle – so tragisch sie für die betroffenen Beschäftigten sind, die nun ihre Arbeit verlieren. Zwar kämpfen ­Unternehmen in der Schweiz noch ­immer gegen die Auswirkungen des starken Frankens. Doch so schwarz, wie Kritiker das Bild der Industrie malen, ist es bei weitem nicht.

Stimmungsumfragen und Investitionen vielversprechend

Nach gängiger ­ökonomischer Lesart sind Jobzahlen lediglich ein Spätindikator für die konjunk­turelle Entwicklung – also der Blick in den Rückspiegel. Den Blick nach ­vorne liefern Stimmungsumfragen, Auftragseingänge und Investitionsausgaben. Und hier sieht es alles andere als düster aus.

So sind immer mehr Experten überzeugt, dass sich nun erstmals seit Jahren  ein echter Aufschwung in der Schweizer Industrie ergeben könne. «Die gesamtwirtschaftlichen Daten zeigen, dass es für die Mehrheit der Schweizer Wirtschaft aufwärts geht, auch und gerade in der Industrie», sagt Martin Eichler, Chefökonom des Konjunkturinstituts Bak Basel. «Der Frankenschock ist ­vielerorts überwunden», erklärt Claude Maurer, Ökonom bei der Credit Suisse.

Schweiz profitiert von «starkem globalen Konjunkturaufschwung»

Bereits zu Jahresbeginn wuchs die Schweizer Wirtschaft um 0,3 Prozent. Vor allem die Details hinter dieser Zahl geben Anlass zu Zuversicht: Die Dynamik des verarbeitenden Gewerbes, das 2 Prozent mehr als Ende 2016 produ­zierte, habe sich klar beschleunigt, analysiert Eichler. Dass die Unternehmen zu Jahresbeginn deutlich mehr in neue Maschinen investierten, spreche ebenfalls für eine positive Entwicklung. Denn erst wenn Firmenlenker auch nachhaltig gute Absatzchancen sehen, geben sie im grossen Stil Geld für neue Anschaffungen aus. So erwartet Bak-Basel-Chef­ökonom Eichler, dass «der Industrieaufschwung im weiteren Jahresverlauf 2017 anhalten wird».

 

Getragen wird die Erholung von der wirtschaftlichen Expansion im Ausland. Die Konjunktur in der Euro-Zone erholt sich. In Deutschland, dem mit Abstand wichtigsten Exportland der Schweiz, ist die Geschäftslage gemäss dem Münchner Ifo Institut sogar auf dem höchsten Stand seit über 25 Jahren. Die Credit ­Suisse sieht die Weltwirtschaft in einem «starken Konjunkturaufschwung». Davon profitiert die Schweiz als offene ­Ökonomie besonders.

So dürfte das Schweizer Bruttoinlandprodukt in diesem Jahr um 1,5 Prozent wachsen, erwartet die Industrieländerorganisation OECD in ihrem am Mittwoch publizierten Konjunkturausblick. 2018 dürften es gar 1,9 Prozent sein.

Auftragsbestand in der Schweizer Industrie nimmt stetig zu

Entsprechend gut ist die Stimmung vielerorts. Wie das am heutigen Donnerstag publizierte KMU-Barometer der UBS zeigt, ist die Schweizer Industrie stark im Aufwind. Gemäss der monatlichen ­Umfrage unter Schweizer Einkaufs­managern, die die Credit Suisse gemeinsam mit dem Verband Procure publiziert, ist die Zuversicht gross. Die befragten Unternehmen berichten von vielen offenen Bestellungen, die abgearbeitet werden müssen: Der Auftragsbestand nimmt sogar stetig ­weiter zu (siehe Grafik).

Das sieht auch Klaus Abberger so: Die Industriefirmen rechneten weiter mit positiven Bestell­eingängen, sagt der Ökonom der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich. Gemäss seiner jeden Monat durchgeführten Befragung von 4500 ­Firmen ist die Stimmung in der Wirtschaft heute so gut wie zuletzt vor dem Frankenschock Anfang 2015.

Unternehmen wollen Stellen schaffen

Im Gegensatz zum Interessenverband Angestellte Schweiz sieht KOF-­Experte Abberger, dass sich die Erholung in der Industrie inzwischen sogar positiv auf die Beschäftigung auswirkt. Credit-­Suisse-Experte Maurer liest aus dem Einkaufsmanagerindex heraus, dass die befragten Unternehmen wieder neue Stellen schaffen wollen. Das ist beachtlich, denn: «Nur wem es gut geht, kann Personal einstellen», sagt er. Auch die OECD rechnet bei der von ihr prognostizierten international vergleichbaren Erwerbslosenquote einen Rückgang von 4,6 Prozent im vergangenen Jahr auf 4,3 Prozent im nächsten.

Auch heute vermeldete Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) deuten auf eine Verbesserung am Jobmarkt: So sank die Schweizer Arbeitslosenquote im Mai auf 3,1 Prozent. Unterschiede zwischen der OECD-Quote und jener des Seco lassen sich mit unterschiedlichen Erhebungsverfahren erklären. Die Tendenz jedoch ist bei beiden gleich: Die Erholung erreicht auch den Arbeitsmarkt. 

Das alles heisst natürlich nicht, dass es künftig keine Verlagerungen, Restrukturierungen oder Schliessungen in der Schweizer Wirtschaft geben wird. Auch in Zukunft werden Unternehmen wie Ammann und Landis + Gyr ihre Kosten senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben – doch eben viel seltener. «Wir sehen, dass die Industriefirmen nicht mehr ganz so oft Stellenkürzungen planen wie in den vergangenen ­Monaten», sagt Abberger.

Diese Firmen streichen 2017 Stellen:

 

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