Seit Jahren suchen Fachleute nach einer Alternative zum Bruttoinlandprodukt (BIP). Gefunden werden soll ein Barometer, dass die wirtschaftliche Realität besser abbildet und mehr liefert als die Entwicklung des nackten Wirtschaftswachstums. Auf den ganz grossen Wurf konnte man sich bislang nicht einigen. Vorstösse wurden gewagt – und wieder verworfen. Oder konnten sich bis heute nicht durchsetzen.

So lancierte die OECD 2011 einen Katalog aus insgesamt elf Kenngrössen, um Länder untereinander besser vergleichen zu können: Das Einkommen wird beim sogenannten Better-Life-Index ebenso berücksichtigt wie die Wohnverhältnisse oder Ausbildung und Umweltverschmutzung. Das Werkzeug der Pariser Organisation ist ein nettes Spielzeug, mehr nicht.

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Auch Nobelpreisträger scheitern

Selbst Nobelpreisträger bissen sich an der Herausforderung schon die Zähne aus: Eine vom amerikanischen Ökonomen Joseph Stiglitz geleitete Kommission im Auftrag der französischen Regierung wartete ebenfalls 2011 mit einer Alternative auf. Doch der von den Wirtschaftskoryphäen Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi mit entwickelte Vorschlag verschwand ebenfalls wenig beachtet wieder in der Versenkung.

Und weil am BIP vorerst anscheinend kein Weg vorbeiführt, machte man sich daran, diese teils viel kritisierte Kennziffer zu verbessern. Ab September folgt die Schweiz bei der Kalkulation der sogenannten volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung damit der Europäischen Union. In den USA wird des neue Verfahren bereits seit vergangenen Sommer angewendet. Die eidgenössische Statistik wird «einer umfassenden konzeptuellen und methodischen Revision unterzogen», informierte am gestrigen Dienstag das Bundesamt für Statistik (BFS). Zudem würden neue Daten aufgenommen.

Forschung und Entwicklung haben nachhaltige Auswirkungen

Die signifikanteste Änderung betrifft die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die von den Statistikern bislang wie laufende Ausgaben verrechnet wurden. Damit senkten sie das nationale BIP. «Ausgaben für Forschung und Entwicklung haben jedoch nachhaltige Auswirkungen, die über mehrere Jahre messbar sind», schreiben nun die Statistiker in Bern. «Deshalb wurde entschieden, dass Forschung- und Entwicklungs-Aufwendungen als Investitionen zu betrachten sind, die das Niveau des BIP anheben.»

Dem Bruttoinlandprodukt als ökonomische Kennziffer tut diese Änderung nicht weh. Im Gegenteil: Nach Schätzungen, auf die das Bundesamt für Statistik in seiner heutigen Veröffentlichung verweist, führt das zu einem «bedeutenden Anstieg» des Schweizer Bruttoinlandprodukt um rund 2,5 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz Waren und Dienstleistungen von rund 603 Milliarden Franken produziert. Die Statistikumstellung macht die Schweiz also auf einen Schlag um gut 15 Milliarden Franken reicher. So viel Geld geben jedes Jahr alle ausländischen Touristen in der Schweiz aus. Alle Unternehmen und Haushalte von Solothurn oder Zug erwirtschaften jährlich in etwa diese Summe.

Verschuldung, Defizit und Staatsquote sinken automatisch

Auf die Wachstumsdynamik der Schweizer Wirtschaft hat diese mathematische Änderung zwar keine Auswirkungen. Das bestätigen auch die Bundesstatistiker in ihrem Schreiben. Das gilt jedoch nicht für wichtige Kennziffern, die im Verhältnis zur gesamtwirtschaftlichen Produktion stehen.

Wie zum Beispiel die Verschuldung: Die könnte mit einem Schlag nicht mehr bei gut 35 Prozent sondern sinkt auf schätzungsweise rund 32 bis 33 Prozent. Ähnlich aufpoliert werden die Zahlen zu den laufenden Ausgaben. Auch die Staatsquote, also die Ausgaben der öffentlichen Haushalte in Relation zum Bruttoinlandprodukt, sinkt mit diesem statistischen Kniff automatisch – ohne dass Bund, Kantone und Gemeinden besser haushalten brauchen.

Ausgaben für das Militär werden neu verbucht

Damit nicht genug. Die Bundesstatistiker schaffen es sogar, die staatliche Ausgabenquote auf andere Weise leicht zu senken. Das wird mit einer weiteren nun ebenfalls veröffentlichten Änderung möglich: Bislang wurden Militärausgaben als staatliche Vorleistung behandelt. Nun werden alle Rüstungsausgaben, die länger als ein Jahr halten, als Investitionen angesehen. Damit fallen sie jedoch nicht mehr unter den Posten staatliche Ausgaben – und senken somit die Staatsquote.