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Tourismus in Not: «Es geht darum, schnell zu reagieren»

Lenzerheide: Es geht die Angst um, dass die Gäste ausbleiben.   Keystone

Die Branche sei verunsichert, sagt der oberste Hotelier der Schweiz, Andreas Züllig. Im Sommer würden wohl einige Saisonstellen nicht besetzt – auch in seinem eigenen Betrieb.

Von Marc Iseli
am 24.02.2015

Herr Züllig, Sie sind nicht nur Präsident des Branchenverbandes Hotelleriesuisse, sondern gemeinsam mit Ihrer Frau auch Gastgeber und Eigentümer des Schweizerhofs in der Lenzerheide. Spüren Sie die Auswirkungen des starken Frankens?
Andreas Züllig*: 93 Prozent unserer Gäste kommen aus der Schweiz – und für die Schweizer haben sich die Preise nicht verändert. Unsere Gäste schätzen die Qualität und den Service im Hotel Schweizerhof und kommen seit Jahren. Deshalb spüren wir die Frankenstärke im Moment kaum.

Erwarten sie einen Einbruch im Sommer?
Matchentscheidend wird sicherlich das Wetter sein. Wird der Sommer schön und trocken, entscheiden sich mehr Leute spontan für einen Kurzurlaub in den Bergen. Das sieht man auch jetzt: Das perfekte Skiwetter hilft uns gerade sehr.

Gilt das auch für andere Hoteliers?
Wir sind sicherlich in der glücklichen Lage, dass wir einen grossen Kundenstamm haben. Wie das bei anderen Hoteliers aussieht, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Gemeinhin ist der Heimmarkt für die Bergregionen aber die wichtigste Stütze. Der Trend im Tourismus geht ohnehin zu mehreren, kürzeren Aufenthalten. Da haben wir einen Heimvorteil gegenüber günstigeren Angeboten im Ausland, wo es eine längere Anfahrt braucht.

Schweiz Tourismus malt die Zukunft aber tiefschwarz: Für den alpinen Tourismus prognostiziert die Branchenorganisation einen Taucher von 5,6 Prozent.
Das sind Modellspiele. Falls der Euro bei einem Kurs von 1.00 bis 1.05 Franken bleibt, resultiert sicherlich ein starker Rückgang der Logiernächte. Ich hoffe nicht, dass dieses Worst-Case-Szenario eintritt. Und ich gehe nicht auch davon aus, sondern erwarte, dass er sich zwischen 1.10 und 1.15 Franken einpendeln wird.

Das ist eine gewagte Prognose.
Ein Kurs von 1.15 Franken je Euro ist noch immer weit weg von der Kaufkraftparität.

Das mag richtig sein, ist aber eine ganz andere Diskussion. Können Sie als Hotelier denn mit einem Eurokurs von 1.10 bis 1.15 Franken leben?
Wir stehen sicherlich immer noch vor grossen Herausforderungen. Der Druck auf die Preise steigt. Kurzfristig können wir gewissen Gästen zwar entgegenkommen und sagen: Okay, die Spielregeln haben sich während dem Spiel geändert. Deswegen gibt es ein Skiticket oder einen Gutschein dazu. Langfristig sinkt aber sicherlich die Nachfrage. Gäste bleiben weg.

Der Direktor von Schweiz Tourismus, Jürg Schmid, meint dazu: Hotels würden wegen der Frankenstärke weniger investieren, der Strukturwandel würde beschleunigt, vorbildliche Betriebe wären erstmals gefährdet.
Das ist richtig. Alle Investitionen werden derzeit auf Eis gelegt, ausser jene, die absolut notwendig sind. Die Hoteliers sind verunsichert. Das ist aber nur die erste Folge. Als nächstes geht es an die Mitarbeiterplanung.

Werden Stellen gestrichen?
Es werden sicherlich weniger Mitarbeiter für den Sommer eingeplant.

Streichen Sie Stellen?
Im letzten Sommer arbeiteten 85 Personen im Schweizerhof. Für diesen Sommer planen wir, drei bis vier Stellen nicht mehr zu besetzen. Das betrifft vor allem Praktikumsstellen, junge Menschen, die direkt von der Hotelfachschule kommen.

Führt die Strukturbereinigung in der Branche auch dazu, dass Betriebe verschwinden?
Jedes Jahr müssen ungefähr 90 Unternehmer schliessen. Das ist normal. In den kommenden Jahren werden es vermutlich mehr sein. Vielleicht 100 oder 110. Das entspricht circa zwei Prozent der Betriebe in der Schweiz.

Schweiz Tourismus will das verhindern – und fordert dafür 30 Millionen Franken extra.
Das ist so nicht ganz richtig. Schweiz Tourismus fordert eine Erhöhung des Rahmenkredites für den Zeitraum von 2016 bis 2019. Das sind langfristige Massnahmen. Jetzt geht es darum, schnell zu reagieren, mit kurzfristigen Mitteln, mit einer Werbeoffensive im Schweizer Markt. Bund, Kanton und Regionen müssen am gleichen Strick ziehen. Entscheidend ist, dass der Inlandtourismus gefördert wird.

Vom zusätzlich geforderten Geld sollen aber nur acht Millionen in der Schweiz verwendet werden.
Für den Heimmarkt waren bisher vier Millionen budgetiert. Neu sind es 12 Millionen. Für vier Jahre. Das ist schnell aufgebraucht.

Schweiz Tourismus will vor allem das Marketing in den Fernmärkten intensivieren.
Das ist ja auch ihre Aufgabe. Schweiz Tourismus hat nicht den Leistungsauftrag, in erster Linie Schweizer Gäste anzuwerben. Aber es macht natürlich Sinn, dass die grösste und professionellste Organisation den Lead bei einer Schweizer Werbekampagne übernimmt.

Den deutschen Markt hat die Organisation aber quasi verloren gegeben.
Nicht ganz, sie haben lediglich den Schwerpunkt der Aktivitäten verlagert.

Für preissensible Märkte wie Deutschland und Holland sind keine zusätzlichen Mittel beantragt.
Das macht im Moment auch wirklich wenig Sinn. Man muss sich immer die Frage stellen, wie wirksam ein eingesetzter Werbefranken ist. Deutschland und Holland sind derzeit schwierige Märkte. Mehr Werbegeld führt nicht zwingend zu mehr Besuchern aus diesen Regionen.

Schmerzt Sie das nicht, schliesslich ist das Bünderland überproportional vom Ausbleiben der Deutschen betroffen? Seit 2008 ist die Zahl der Übernachtungen um 35 Prozent eingebrochen.
Das ist rein wechselkursbedingt – und hat überhaupt nichts mit dem Produkt zu tun.

Gibt es nicht auch noch andere Gründe? Die Zuwanderungsdebatte, zum Beispiel?
Dass die deutschen Gäste ausbleiben, kann man in erster Linie mit dem Wechselkurs erklären. Die Deutschen fehlen übrigens nicht nur in der Schweiz. Die gleichen Rückgänge sah man auch im Tiroler Markt. In Deutschland gibt es allgemein eine Tendenz, im eigenen Land Ferien zu machen.

Die Zuwanderungsdebatte spielt also keine Rolle?
Sie prägt sicherlich das Bild der Schweiz. Ich glaube aber nicht, dass das letztlich ausschlaggebend ist. Das Image der Schweiz ist immer noch sehr positiv. Das weiss ich auch aus persönlichen Gesprächen mit meinen Gästen aud Deutschland.

* Andreas Züllig ist seit Januar 2015 Präsident vomn Hotelleriesuisse, vorher amtete er lange Jahre als Präsident für die Sektion Graubünden. Der Absolvent der Hotelfachschule Lausanne führt seit den 90er-Jahren gemeinsam mit seiner Frau das Hotel Schweizerhof auf der Lenzerheide.

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