Es geschah vor etwas mehr als 100 Jahren. 1904 verstaatlichte die Schweiz ihre Eisenbahnen. Unter dem Dach der Bundesbahnen flossen erstmals staatliche Mittel für die Tourismusindustrie. Das Reiseland Schweiz sollte beworben werden. Seither ist eine unüberblickbare Menge von neuen Subventionen für die Branche dazugekommen, die eines gemeinsam haben. Sie lassen sich kaum noch ausrotten.

Bei jeder Krise taucht die Forderung nach neuen Zuschüssen auf. Jüngstes Beispiel ist das vom Bundesrat vorgeschla­gene Entlastungspaket von 2 Milliarden Franken. Die Vertreter der wichtigsten Branchenverbände haben flugs Forderungen aufgestellt – 50 zusätzliche Millionen für bereits subventionierte Tourismus­organisationen, eine Beibehaltung des tieferen Mehrwertsteuersatzes von 3,8 Prozent für die Hotellerie sowie ein tieferer Satz fürs Gastgewerbe von 2,5 Prozent. Die Senkung würde jährliche Mindereinnahmen von 500 Millionen Franken bedeuten.

«Wir sprechen nicht von Subventionen, sondern von einer aussergewöhnlichen Situation», sagt Mario Lütolf, Direktor des Schweizerischen Tourismus-Verbands (STV). «Da braucht es besondere Massnahmen, welche die besondere Benachteiligung durch einen explodierenden Frankenkurs dämpfen helfen. Darauf können sich unsere Dienstleister kurzfristig kaum einstellen.»

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Ökonomen sehen die Geldverteilung kritisch. «Im Tourismus ist nicht der tiefe Franken das Hauptproblem», sagt Reiner Eichenberger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg. «Vielmehr profitierte die Branche schon bisher stark von Subventionen und Steuerprivilegien. Darum überlebten auch viele wenig ertragsstarke Unternehmen, die jetzt besonders anfällig auf Probleme auf dem Weltmarkt sind.»

Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm sieht Subventionen zwar nicht nur in negativem Licht. Einige Familienbetriebe seien dank den Fördermitteln überlebensfähig geworden. «Aber man hat mit Subventionen auch viel Strukturerhaltung betrieben», kritisiert er. Silvio Borner, früherer Volkswirtschaftsprofessor der Universität Basel, warnt: Die Tourismusbranche sei schon heute mit Staatsgeldern verwöhnt. Er fordert eine Reform und eine Vereinheitlichung der Mehrwertsteuer, nicht Sondersätze für Tourismus und Gastronomie. «Jede Konzession, die bei der Mehrwertsteuer eingegangen wurde, konnte danach nie mehr rückgängig gemacht werden», so Borner.

Abschaffen unmöglich

Tatsächlich gilt der tiefere Mehrwertsteuersatz für Beherbergungsleistungen bereits seit 1996. Andere Förderstrukturen sind so alt, dass sie von der Öffentlichkeit kaum noch als Subventionen wahrgenommen werden. 1911 forderte Nationalrat Alexander Seiler in einer ­Motion die Einrichtung einer Zentralstelle zur Förderung des Fremdenverkehrs. Aus dieser Initiative heraus entstand 1917 die Schweizerische Verkehrszentrale. Deren Finanzierung wurde 1955 in einem Bundesgesetz geregelt, das bis heute gilt. 1995 erhielt die Verkehrszentrale einen neuen Namen: Schweiz Tourismus. Die Marketingorga­nisation der Tourismuswirtschaft hat 200 Mitarbeitende und ist in mehr als 30 Ländern aktiv.

Fast so alt wie Schweiz Tourismus ist die Gesellschaft für Hotelkredit (SGH). Auch sie wurde in schlechten Zeiten geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg suchten die Kantone ein Mittel gegen die interna­tionale Hyperinflation und die akute Kreditverknappung. Ihre Lösung waren kantonale Kreditgenossenschaften für die ­Hotellerie. Aus diesen entstand 1921 die Schweizerische Hotel- und Treuhandgesellschaft. Sie war die Vorgängerin der heutigen Gesellschaft für Hotelkredit, die seit 1966 auf Bundesebene für die staatlichen Zuschüsse an die Hotelfinanzierung in den Ferienregionen verantwortlich ist. Eine Subventionsempfängerin neueren Datums ist die 1998 ins Leben gerufene ­Innotour, die gemäss Bundesgesetz Innovation und Zusammenarbeit im Tourismus fördert. Auslöser war die strukturelle Krise des Tourismus in den 1990er-Jahren. Die Organisation besteht bis heute.

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Damit sind noch nicht alle Subventionstöpfe des Bundes aufgezählt. Ein wichtiges Förderinstrument für den Auf- und Ausbau von Skigebieten war jahrzehntelang das Investitionshilfegesetz (IHG). Zwischen 1975 und 2000 flossen Subven­tionen des Bundes in der Höhe von 120 Millionen Franken, die in der Seilbahnbranche Investitionen von rund 1 Milliarde auslösten. Heute werden Seilbahnen und Tourismusprojekte weiterhin aus dem IHG-Nachfolgeprogramm der Neuen Regionalpolitik (NRP) unterstützt. Sogar Beschneiungsanlagen können von Subven­tionen profitieren.

Warum erhält der Tourismus so viel staatliche Aufmerksamkeit und Zuneigung? «Der Tourismus ist eben regionalwirtschaftlich von grösstem Interesse, ist er doch im ländlichen Raum zu über 70 Prozent die Leitindustrie», sagt Tourismusverband-­Direktor Mario Lütolf. «In vielen Berggebieten gibt es dazu schlicht keine Alternativen.»

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Mit anderen Worten: Soll die Schweiz flächendeckend besiedelt bleiben, müssen Tourismus und Landwirtschaft weiter gefördert werden. Wirtschaftsprofessor Eichenberger kann dieser Sicht nichts abgewinnen. Viele der Arbeitsplätze würden nicht durch Einheimische besetzt, sondern durch Ausländer. Wirklich abgele­gene Gebiete gebe es beispielsweise in Graubünden kaum mehr, zu gut seien die Verkehrsverbindungen.

Verwirrendes Finanzdickicht

Mit wie viel Geld die öffentliche Hand der Schweizer Tourismuswirtschaft insgesamt Jahr für Jahr unter die Arme greift, ist unbekannt. «Schon verschiedene Universitäten und Fachhochschulen haben versucht, eine exakte Zahl zu bestimmen, aber alle haben sich dabei nur die Finger verbrannt», sagt Verbandsdirektor Lütolf. Schweiz Tourismus erhält heute knapp 48 Millionen Franken jährlich, die Gesellschaft für Hotelkredit verfügt über zinsfreie Darlehen des Bundes im Umfang von rund 136 Millionen Franken. Die tiefere Mehrwertsteuer für Beherbergungsleistungen führt schon heute zu Mindereinnahmen von rund 150 Millionen Franken. Wie viele Mittel über das Programm Neue Regionalpolitik von Bund und Kantonen in den Tourismus fliessen, lässt sich nicht exakt ermitteln. Klar ist, dass der Tourismus der wichtigste Förderschwerpunkt ist.

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Bei vielen Projekten wird zudem nach dem Subsidiaritätsprinzip gefördert. Wenn der Bund Mittel spricht, schiessen Kantone und Gemeinden Geld nach. Im Wallis oder in Graubünden sind es jährlich zweistellige Millionenbeträge. Kan­tonale und kommunale Tourismusförderungsgesetze sorgen für noch mehr Staats­hilfe.

So schnell wird der Ruf nach Subven­tionen nicht verhallen, denn die Branche leidet. Die Anzahl Hotelbetriebe ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Besserung ist nicht in Sicht: «Bei einigen Hotels sind Liquiditätsengpässe aufgetreten, bei anderen stehen sie kurz bevor», sagt Philippe Pasche, Direktor der Gesellschaft für Hotelkredit. «Wir verzeichnen nun erste Zahlungsverzögerungen bei Amortisationen und Zinsen», so Pasche. Derzeit sind Kredite bei über 300 Hotel­betrieben ausstehend. Pasche geht davon aus, dass sich die Liquiditätsengpässe in der Hotellerie noch verstärken werden. «Der Effekt des hohen Euro wird erst in der nächsten Winter- und der nächsten Sommersaison voll durchschlagen.»

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