In Bern gibt es schlechte Noten für den neuen Wirtschaftsminister. «Alle Bundesräte, die ich kenne, sind schneller in ihr Amt hineingewachsen», sagt SP-Nationalrätin Hildegard Fässler. Die Kritik an Johann Schneider-Ammann kommt nicht nur von links. Seine Dossierkenntnisse seien «ungenügend», urteilt SVP-Nationalrat Hansruedi Wandfluh über das freisinnige Regierungsmitglied. CVP-Präsident Christophe Darbellay doppelt nach: Er erwarte, dass sich Schneider-Ammann nun «schnell in die Themen einarbeitet».

Es sind ungewöhnlich harte Worte für einen Mann, der sein Amt vor sechs Monaten mit viel Vorschusslorbeeren angetreten hat. «Ich wünsche ihm, dass er gewählt wird», erklärte etwa Corrado Pardini, Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Unia, vor der Wahl. «Wir sind stolz auf die Wahl unseres Vizepräsidenten in den Bundesrat», sagte Economiesuisse-Leiter Pascal Gentinetta danach. Von links bis rechts erhoffte man sich vom Unternehmer pragmatische Lösungen.

Mangelndes Verständnis

Doch die Hoffnungen wurden bislang enttäuscht. Die Mehrzahl der Parlamentarier will, dass Schneider-Ammann «mehr Präsenz markiert und im Bundesrat endlich ankommt. Er hat noch eine Chance, aber er muss zulegen», wie zum Beispiel Nationalrätin Fässler sagt. Sie und andere wundern sich auch darüber, dass der Berner so wenig mit dem politischen System und den politischen Abläufen vertraut sei, obwohl er seit 1999 im Nationalrat politisiert habe. «Es ist offenbar leichter, in einem Unternehmen Leitplanken zu setzen als hier in diesem politischen Apparat, bei dem so viele mitreden», urteilt Bruno Zuppiger, SVP-Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands. Schneider-Ammann habe seine Rolle als Bundesrat noch nicht gefunden.
Die Zeit läuft gegen den Berner. Der gibt sich selbst ein Jahr Zeit, um in der Landesregierung Tritt zu fassen. Bis dahin könnte es aber zu spät sein. Denn im Dezember entscheidet die Bundesversammlung über seine Wiederwahl. Einfach wird das nicht. Denn wenn sich Schneider-Ammanns FDP nicht auffängt, wird sie Stimmen verlieren. Darum ist der zweite FDP- Sitz im Bundesrat gefährdet. Eine Abwahl hält man in Bern für gut möglich.

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Die letzte Chance

Schneider-Ammann wolle kein Blender sein, verteidigt Mediensprecherin Evelyn Kobelt ihren Chef. «Er zieht eine gesicherte Meinung einer schnellen Antwort vor.» Wenn er seine Experten sprechen lasse, verberge sich dahinter keine mangelnde Dossierkenntnis. «Er hat vielmehr grossen Respekt vor dem Fachwissen», so Kobelt weiter.
Auch im Bundesrat kommt der Wirtschaftsminister aber unter Druck. «Wie will Schneider-Ammann mit seiner zurückhaltenden Art etwa gegenüber einer kampflustigen Eveline Widmer-Schlumpf bestehen oder einem Didier Burkhalter, der immer mehr zur Primadonna wird?», fragt ein Insider. Eine Antwort hat SVP-Mann Wandfluh: «Er hat noch bis zum Herbst Zeit, um sich als Wirtschaftsminister zu profilieren.»

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