Chinas Wirtschaft ächzt. Die Volkswirtschaft des Riesenreiches mit 1,4 Millliarden Menschen erlebt derzeit einen tiefgreifenden Umbruch. Peking will weg von seinem Status des Billiglohnlandes, das nur für den Export produziert und in Infrastruktur investiert. Die Chinesen sollen künftig selbst konsumieren.

Doch der Wandel zu einer verbraucherorientierten Wirtschaft ist schwer zu stemmen. Immer wieder warnen Skeptiker vor einem heftigen Crash, etwa am heiss gelaufenen Häusermarkt oder im Bankensektor. Das ist heikel, da Schweizer Unternehmen heute zu Tausenden Maschinen und Ausrüstungen ins Reich der Mitte liefern. Nach Ansicht von Kaspar Engeli, Direktor der Dachorganisation Handel Schweiz, brauchen sich Beobachter indes keine allzu grossen Sorgen zu haben. «Durch das Freihandelsabkommen mit China stehen wir auf der Poleposition, wenn der chinesische Konsum anzieht.»

Der Handel mit China wächst noch

Nach der EU und den USA ist China der wichtigste Handelspartner für die Schweiz. Das Aussenhandelsvolumen der beiden Länder betrug 2013 bereits rund 20 Milliarden Franken. Die Importe der Schweiz beliefen sich dabei auf mehr als 11 Milliarden Franken oder 6 Prozent aller Importe. Doch auch der Export hat an Bedeutung gewonnen. Im Jahr 2013 verkaufte die Schweiz Waren für fast 9 Milliarden Franken ins Reich der Mitte. Und die neusten Zahlen seit dem Freihandelsabkommen zeigen, dass der Handel in beide Richtungen weiter wächst.

Das Problem jedoch: Wichtige Frühindikatoren deuten darauf hin, dass die inzwischen zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt selber derzeit nur schwach wächst. Zwischen Juli und September legte die Wirtschaft Chinas im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur noch um 7,3 Prozent zu. Dies ist die geringste Wachstumsrate seit fünf Jahren.

Spitzentechnologie statt Plastikspielzeug aus China

Und die Ökonomen von Bak Basel rechnen in ihrer heute veröffentlichten Herbstprognose, dass Chinas Wirtschaftsleistung auch künftig schwächer wächst als von der Zentralregierung in Peking mit 7,5 Prozent pro Jahr anvisiert. Für 2015 erwarten die Prognostiker einen Zuwachs um 6,7 Prozent, im Jahr darauf um 6,5 Prozent.

Von China habe man oft ein falsches Bild, sagt Kaspar Engeli, anlässlich einer Medienkonferenz zur aktuellen Lage des Schweizer Handels. «Früher kam aus China nur Ramsch, Fernbedienungen mit Wackelkontakt, billiges Plastikspielzeug und Kleider.» Dieses Image habe sich in den Köpfen festgesetzt. «Dabei hat sich die Situation dramatisch verändert, in China wird der Airbus A320 gebaut, eine ziemlich komplexe Maschine, Siemens stellt dort MRI-Geräte her, Hochlegierungsstähle kommen aus China.» Das Land könne vom Know-how her inzwischen alles produzieren.

Bald Spielsachen und Wein nach China?

Geht es nach dem Willen der Verantwortlichen von Handel Schweiz, bietet der Wandel in China grosses Potenzial für die hiesige Wirtschaft. «Es ist klar, dass China künftig nicht mehr ein Billiglohnland sein wird», so Engeli. Doch dafür werde China als Markt immer wichtiger: «Der grösste asiatische Markt für den Schweizer Tourismus ist seit 2011 nicht mehr Japan sondern China.» Bis zum Jahr 2020 soll die Zahl der Übernachtungen von heute 700'000 auf zwei Millionen steigen. «Damit wäre China bedeutsamer als unser Nachbar Italien.»

Potenzial sieht Handel Schweiz auch in anderen Branchen. Zum Beispiel bei den Spielsachen. Während in Europa für rund 80 Millionen Kinder jedes Jahr Spielwaren im Wert von 16 Milliarden Franken gekauft würden, geben die Chinesen für die mehr als 200 Millionen Kinder erst etwa fünf Milliarden aus, erklärt Rolf Burri, Präsident des Spielwarenverbandes Schweiz. «Das hängt zwar mit der fehlenden Kaufkraft zusammen, zeigt aber auch ein riesiges Marktpotenzial.»

Abhängigkeit von der EU verringern

Auch beim Wein gäbe es interessante Möglichkeiten, glaubt  Engeli. Wenn es gelänge, die Weine als Dachmarke zu positionieren – «zum Beispiel mit einem Deckel mit Schweizerkreuz auf allen Flaschen» – bestünden immense Erfolgsaussichten, glaubt er. «Der Weinmarkt in China ist noch nicht etabliert, sondern er entsteht erst.»

Bereits zeige das am 1. Juli in Kraft getretene Freihandelsabkommen erste Früchte, sagt Engeli. Das Handelsvolumen ist im dritten Quartal um 11,6 Prozent gestiegen. Und dies soll noch lange nicht das Ende sein: «Für die nächsten fünf Jahre erwarten wir aufgrund von Vergleichen mit anderen Freihandelsverträgen ein Wachstum von 15 bis 20 Prozent.»

Keine Bedenken wegen der Menschenrechte

Ebenso wichtig wie diese Zahlen sei aber die breitere Abstützung der Schweizer Aussenwirtschaft, so Engeli. «Es geht darum das Übergewicht des Handels mit der EU zu verringern.» So sei es in den vergangenen zehn Jahren gelungen, den Anteil des Exportes in die EU von 66 Prozent auf 55 Prozent zu senken. Durch das Abkommen mit China und weiteren Verträgen mit anderen Schwellenländern soll die Abhängigkeit von der EU weiter sinken. «Doch es ist klar, dass die EU unser wichtigster Handelspartner bleibt.»

Und was meint Handel Schweiz zur Frage der Menschenrechte in China? Letztlich sei klar, dass der Einfluss der kleinen Schweiz auf die chinesische Führung begrenzt bleibe, sagt Kaspar Engeli. «Doch insgesamt sind die Auswirkungen des Handels positiv.» Obwohl die Kommunistische Partei von diesem Abkommen profitiere, habe die wirtschaftliche Öffnung des Landes für den einzelnen Chinesen wichtige Verbesserungen gebracht, glaubt Engeli.

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