Der Weg zurück zur Normalität ist für die Schweizerische Nationalbank (SNB) ohnehin schwer genug. Nun müssen die Währungshüter auch noch ihren vielleicht wichtigsten Posten neu besetzen: Nach dem am Freitag angekündigten Rücktritt von Vizepräsident Jean-Pierre Danthine gilt es für den Bankrat der SNB, einen geeigneten Kandidaten vorzuschlagen, den auch der Bundesrat akzeptiert.

Immerhin bleibt mehr Zeit: Im Gegensatz zum Rücktritt von SNB-Präsident Philipp Hildebrand im Januar 2012, als man binnen drei Monaten einen Nachfolger präsentierte, geht Danthine erst auf Mitte 2015 in den Ruhestand. Doch der Kreis möglicher Kandidaten ist klein.

Danthine ist für Finanzstabilität verantwortlich

Allein schon deshalb, weil ein ungeschriebenes Gesetz des SNB vorsieht, dass mindestens ein Vertreter im dreiköpfigen Direktorium aus der lateinischen Schweiz stammen sollte. Das war seit den 1950er Jahren bis heute immer so – und soll auch so fortgeführt werden.

Doch wer kommt in Frage für den Job? Fakt ist: Die Anforderungen sind immens. Danthine war mit der Umsetzung des Euro-Franken-Mindestkurses betraut – dem umstrittensten geldpolitischen Werkzeug in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten. Nun muss die SNB mit Danthines Nachfolger den Weg zurück zur Normalität finden.

«Endlich diese letzte Männerdomäne knacken»

Damit nicht genug: Der 65-jährige Danthine verantwortet bei der SNB mit dem Department II auch das Thema Finanzstabilität. Darunter fällt der Schweizer Immobilienmarkt, der in den vergangenen Jahren heiss lief. Der Schweiz-Belgier stand auf Konferenzen zuletzt immer Rede und Antwort zu diesem Thema. Auch hier hat der neue Mann – oder die neue Frau – die Verantwortung.

«Grundsätzlich zwingend ist ein ausgewiesenes ökonomisches Fachwissen und Verständnis für die wirtschaftlichen Realitäten in der Schweiz, einschliesslich Werkplatz und nicht nur des Finanzplatzes – und ein internationales Netzwerk«, skizziert Susanne Leutenegger Oberholzer, Vizepräsidentin in der Wirtschaftskommission des Nationalrats, das Stellenprofil.

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Damit nicht genug: Gefragt sei eine Kandidatin oder ein Kandidat mit dem Mut zu unkonventionellen Schritten – wie beispielsweise den 2011 eingeführten Mindestkurs des Frankens gegenüber dem Euro. Zudem sei es an der Zeit, «endlich diese letzte Männerdomäne zu knacken und eine Frau ins Direktorium zu wählen».

Im Direktorium der SNB sitzen nur Deutschschweizer – und keine Frau

Im Normalfall gelten als erste Verdächtige für Danthines Nachfolge das erweiterte, insgesamt sechsköpfige SNB-Direktorium. In diesem sitzen aber neben den Direktoriumsmitgliedern Thomas Jordan (gleichzeitig SNB-Präsident) und Fritz Zurbrügg mit Thomas Moser, Thomas Wiedmer und Dewet Moser nur noch Deutschschweizer – sie kommen damit nicht als Nachfolger infrage.

Die Kandidatensuche wird zusätzlich kompliziert, weil im SNB-Direktorium noch immer keine Frau vertreten ist. Die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank haben hier mittlerweile vorgelegt: Mit Janet Yellen wird die Fed sogar von einer Frau geführt, im Direktorium der EZB sitzt seit Februar 2014 die deutsche Juristin Sabine Lautenschläger. Für den SNB-Posten wären Beatrice Weder di Mauro und Monika Bütler mögliche Kandidatinnen, die als Deutschschweizerinnen als potenzielle Nachfolgerinnen aber ausscheiden.

Cédric Tille – ein möglicher Kandidat, der im SNB-Bankrat sitzt

Der Bankrat der SNB muss seinen Blick also weiter richten – oder doch nicht? Denn ein Name, der im Gespräch mit Fachleuten öfter fällt, ist Cédric Tille. Der Makroökonom vom Graduate Institute in Lausanne ist ein ausgewiesener Fachmann. Nicht ganz unpassend, untersuchte er in diesem Jahr doch in einem ausführlichen Paper bereits, welche Auswirkungen eine Währungsaufwertung auf das Wirtschaftswachstum hat. Mit der Materie kennt sich der 1970 geborene Ökonom, der an der Elite-Uni Princeton promovierte, also aus. Dabei sitzt Tille selbst im SNB-Bankrat und müsste vor einer Nominierung wohl aus dem Gremium austreten. 

Ebenfalls in Lausanne arbeitet Philippe Bacchetta. Der Finanzprofessor promovierte in Harvard und beschäftigt sich intensiv mit Finanzkrisen und der monetären Ökonomie. Er spricht Französisch, Englisch, Spanisch und Deutsch. Gleichzeitig ist er Chef des Swiss Finance Institute der Uni Zürich. Er wäre ebenfalls ein Kandidat.

«SNB muss Fokus stärker auf die Machtballung der Banken legen»

Aus den Reihen der SNB selbst käme womöglich auch Bertrand Rime in Frage, Leiter der Abteilung Finanzstabilität. Er warnte bereits 2005 in einem wissenschaftlichen Artikel davor, dass die Verbindlichkeiten der grössten Banken in der Schweiz ebenso hoch seien wie das gesamte Bruttoinlandprodukt. Diese Banken könnten sich als «zu gross, um gerettet zu werden» erweisen, so Rime.

Dieses Problem gilt heute noch immer. «Die SNB muss mit Danthines Nachfolger künftig noch stärker den Fokus auf die bestehende Machtballung von drei bis vier Banken legen – dieser Zustand ist in der Schweiz weltweit wohl einmalig und ein Damoklesschwert für die Realwirtschaft», sagt SP-Nationalrat und Wirtschaftsexperte Corrado Pardini. Egal auf wen die Wahl am Ende also fällt: Danthines Nachfolger übernimmt einen herausfordernden Job – und den vielleicht wichtigsten bei der SNB.