Der Abgasskandal bei Volkswagen schlägt immer höhere Wellen. Selbst die Stellung Deutschlands als wirtschaftlicher Musterschüler der Euro-Zone scheint in Gefahr, sollte das Label «Made in Germany» infolge der VW-Krise nachhaltig leiden. Was bedeutet das für die Schweiz? Immerhin ist Deutschland der wichtigste Absatzmarkt für Swiss-Produkte, jeder fünfte Exportfranken wird dort erwirtschaftet.

«Kommt es in Deutschland als Folge des VW-Skandals zu einer Krise des deutschen Fahrzeugbaus, wird die deutsche Konjunktur insgesamt ins Trudeln geraten», sagt Ökonom Daniel Hartmann vom Zuger Anleiheinvestor Bantleon. Dies gelte umso mehr, als die Autobauer heute bereits unter der China-Schwäche litten. Und angesichts der hohen Relevanz Deutschlands für die hiesigen Unternehmen würde dies laut dem Experten auch «problematisch für die Schweizer Wirtschaft.»

VW nur ein Abnehmer von vielen für Schweizer Zulieferer

Verschärfend kommt hinzu, dass sich die Schweizer Autozulieferer in den vergangenen Jahren stärker auf die deutschen denn auf die kriselnden französischen Abnehmer konzentrierten. Mit entsprechendem Klumpenrisiko, wie Anja Schulze, Leiterin von Swiss Car an der ETH Zürich analysierte. «Wenn es den deutschen Automobilbauern schlecht geht, schlägt das voll auf die Schweizer Zulieferer durch», sagte die Autoexpertin im vergangenen Jahr.

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Doch: VW ist für die Schweizer Zulieferer nur ein Abnehmer von vielen. Die wichtigsten Endkunden sind laut einer ETH-Studie Ford und mit Abstand Mercedes, BMW und Audi. Auch hat der Skandal heute nur VW ergriffen, nicht die Branche insgesamt: So dürften die direkten Effekte auf die Schweizer Konjunktur nach heutigem Wissenstand eher gering ausfallen.

3 Prozent der Schweizer Exporte aus dem Fahrzeugbau

Denn im Vergleich zur Chemie- und Pharmaziebranche, dem Maschinenbau, der Uhrenindustrie, den Finanzunternehmen und dem Tourismus spielt der Fahrzeugbau hierzulande eine nur untergeordnete Rolle. Und dies trotz einiger wichtiger Autozulieferer wie Georg Fischer, EMS oder Komax.

«Nur 3 Prozent der Warenexporte der Schweiz sind dem Fahrzeugbau zuzuordnen – wobei dabei wiederum mehr als die Hälfte auf die Luft- und Raumfahrt sowie der Bahnindustrie entfällt», sagt Bantleon-Ökonom Hartmann. Gemäss Bundesamt für Statistik arbeiten im Fahrzeugbau nur noch rund 16'000 Beschäftigte – das sind nicht einmal 2.5 Prozent aller im verarbeitenden Gewerbe tätigen Arbeitnehmer.

Schweizer Händler dürften weniger VWs verkaufen

Zum Vergleich: Allein bei VW sind mit 270'000 Menschen 17 Mal mehr Personen beschäftigt als im gesamten Schweizer Fahrzeugbau. Und: In Deutschland entfallen 22 Prozent aller Exporte auf den Fahrzeugbau, der Anteil an der Beschäftigtenzahl im verarbeitenden Gewerbe liegt bei 15 Prozent, rechnet Hartmann vor.

Auch für die Schweizer Händler dürfte der Abgasskandal weit weniger Auswirkungen haben als so mancher Schwarzmaler heute befürchtet. «Die Schweizer werden nicht weniger Autos kaufen, sondern vermutlich nur weniger VWs», sagt Hartmann. So wird die Branche insgesamt nicht leiden, es kommt lediglich zu einer Umverteilung – weg von VW hin zu Herstellern wie Toyota, Opel oder Peugeot.

Fazit: Bleibt der Abgasskandal auf VW beschränkt, sind die direkten Effekte auf die Schweizer Wirtschaft gering.

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