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Wie Medien die Schweizer Währung missverstanden

Ist der Franken schwach, schweigen die Medien: Ehemalige NZZ-Druckerei.Keystone

Wertet der Franken auf, folgt ein Aufschrei. Ist der Franken schwach, wird geschwiegen. Teil zwei der Nullerjahre-Trilogie zum Franken handelt von einer markanten Asymmetrie.

Von Simon Schmid
am 08.01.2016

Wie sehr sich die Zeiten ändern. Teil 1 unserer Nullerjahre-Trilogie ging der Frage nach, wie stark der Franken eigentlich ist – und wie schwach er in der Vergangenheit war. Die Erkenntnis lautete: Über weite Strecken der Nullerjahre wurde die Schweizer Währung im Grunde genommen zu billig gehandelt, zumindest zum Euro.

Hier noch einmal die zentrale Grafik aus dem Beitrag:

Im zweiten Teil widmen wir uns nicht dem Franken selbst, sondern vielmehr seiner Wahrnehmung. Wie dachte man in den Nullerjahren über die Währung - und insbesondere, über ihre Bewertung?

Zu dem Zweck haben wir das Schweizer Medienarchiv durchforstet. Dieses lässt sich elektronisch nach bestimmten Begriffen abfragen, wobei man Zeithorizont und Publikation frei wählen kann. Die folgende Auswertung zeigt, wie viele Treffer sich dabei in den Jahren 1999 bis 2015 ergaben.

In blau jeweils die Anzahl der Artikel mit der Wortkombination «starker Franken», in rot die Anzahl Artikel mit der Kombination «schwacher Franken»*.

Auf der Grafik ist deutlich zu erkennen, wie der «starke Franken» ab 2010 die Presse beschäftigte. 2011 wurde ein Spitzenwert mit insgesamt 780 Artikeln in den drei Tageszeitungen «NZZ», «Tages-Anzeiger» und «Blick» registriert. Nach der Aufhebung der Euro-Untergrenze im Jahr 2015 schoss die Berichterstattung erneut in die Höhe.

In markantem Gegensatz dazu stehen die Artikel, in denen die Wortkombination «schwacher Franken» vorkam. Die Trefferzahl dieser Suche liegt praktisch im ganzen Zeitraum bei null bis zehn Artikeln pro Jahr. Einzig im Jahr 2007 thematisierten einige Beiträge den «schwachen Franken». Es waren genau 32 Texte.

Alle profitieren, alle schweigen

Das obige Muster ist typisch für die Diskussion über Devisenkurse – wohl nicht nur in der Schweiz, sondern im Allgemeinen. Ist eine Währung schwach, so stört dies (ausser den Konsumenten) eigentlich niemanden. Kein Branchenverband organisiert Pressekonferenzen, an denen die schwache Währung thematisiert wird, kein Unternehmen beklagt sich über die gestiegene Marge. Praktisch alle organisierten Akteure profitieren vom billigen Kurs.

Anders in Zeiten der Aufwertung. Bereits erste Anzeichen einer erstarkenden Währung werden zum Anlass genommen, um Klagen anzustimmen. Das zeigt etwa die kleine Spitze im Jahr 2002. Die Währung muss als Grund hinhalten, warum ein bestimmtes Unternehmen ein schlechtes Ergebnis erzielt hat, oder warum es diese oder jene politische Massnahme braucht.

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Natürlich war die Situation in den Nullerjahren speziell. Niemand ahnte, dass die Finanzkrise im Jahr 2008 einschlagen und in der Folge den Franken so rasch nach oben treiben würde. Die Entwicklung des Fair-Value-Kurses war noch nicht so klar ersichtlich wie sie es heute, im Nachhinein ist. An der grundsätzlichen Feststellung ändert dies jedoch nichts.

Selbst in den Jahren rund um 2006, als der Euro in der Gegend von 1.60 Franken notierte, war diese Währungsschwäche kaum ein Thema. Was um so mehr erstaunt, als dass man aus der Geschichte eigentlich hätte wissen müssen, was für eine Währung der Franken ist: eine Währung, deren fundamentaler Wert in der langen Frist stets ansteigt.

Selbst die Notenbank kommuniziert asymmetrisch

Selbst die Nationalbank thematisierte die Währungsschwäche in jener Zeit kaum. In den vierteljährlichen Medienmitteilungen zur Lagebeurteilung erwähnte die SNB den schwachen Franken auch im Jahr 2006 mit keiner Silbe. Erst 2007 kamen die Währungshüter verklausuliert auf die Währung zu sprechen und mahnten: «Die Teilnehmer am Frankenkreditmarkt und die Unternehmer sollten sich der von ihnen eingegangenen Wechselkursrisiken stets bewusst sein».

Ganz anders hatte es zuvor in den Jahren 2002 bis 2005 getönt – einer Zeit, in der der Franken mehr oder weniger stabil zum Euro war, aber der Dollar zur Schwäche neigte. In praktisch jedem Communiqué fanden sich damals Hinweise zur «Frankenstärke». Bis 2006 hielt sich auch der Satz in der Mitteilung, die SNB werde «auf eine rasche Aufwertung des Frankens (...) angemessen reagieren.»

Nach der Finanzkrise und speziell in der Eurokrise ging dann alles sehr schnell. Viele Leute in der Schweiz rieben sich die Augen, als Euro und Franken plötzlich bei der Parität standen. Die Verwunderung hätte sich jedoch in Grenzen halten können - wenn SNB, Finanzprofis und Zeitungen bereits füher darüber gesprochen hätten, wie schwach der Franken gewesen war.

* Flektionen wie «schwache Franken», «schwachen Franken» oder «schwachem Franken» wurden mitgezählt.

Simon Schmid
Chefökonom bei der Handelszeitung. Wirtschafts- und sozialwissenschaftlich inspirierter Schreiber.
Twitter: @schmid_simon

 

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