Wie geht es der Schweiz?
Thomas Jordan: Die Schweiz ist mit grossen Herausforderungen konfrontiert. Firmen müssen sich an die Frankenaufwertung anpassen. Das internationale Umfeld ist weniger widrig, aber Euphorie löst das Wachstum der Weltwirtschaft auch nicht aus. Trotzdem geht es der Schweiz im internationalen Vergleich sehr gut.

Haben wir den Frankenschock verkraftet?
Viele Unternehmen sind weiterhin daran, die Währungsaufwertung zu verarbeiten. Sie befinden sich mit dem erstarkten Franken in einer intensiveren Wettbewerbssituation. Die bisherige Entwicklung deutet darauf hin, dass es der Wirtschaft gelingen wird, sich anzupassen. Innovation und Effizienzgewinne sollten den Firmen helfen.

Stellen werden abgebaut und Arbeitsplätze ausgelagert. Zehntausende Jobs könnten verloren gehen. Beunruhigt Sie das?
Jeder einzelne Arbeitsplatz, der verloren geht, ist für die Betroffenen äusserst schmerzhaft. Der Verlust von Arbeitsplätzen ist auch aus unserer Sicht sehr bedauerlich. Doch der Strukturwandel ist für die Schweiz nichts Neues. Ihre wirtschaftliche Stärke beruht darauf, diesen Wandel über die Zeit besser als andere Länder gemeistert zu haben. Firmen haben es stets verstanden, Produkte mit hoher Wertschöpfung in ihr Sortiment aufzunehmen und andere Produkte auszulagern. Durch die aktuelle Währungssituation beschleunigt sich dieser Prozess.

Wie viele Stellen fallen noch weg?
Befürchtungen, wonach die Wirtschaft und insbesondere die Industrie nach der Aufhebung des Mindestkurses kollabieren würden, haben sich nicht bewahr­heitet. Es wurden bisher weniger Arbeitsplätze abgebaut als da und dort befürchtet. Die Anpassung ist allerdings noch nicht beendet. Im Verlauf des nächsten Jahres dürfte die Arbeitslosigkeit noch ­etwas ansteigen.

Beobachter sagen: Die SNB lässt das Land im Stich. Trifft Sie diese Kritik?
Dass in der Wirtschaft eine Diskussion über die monetären Bedingungen stattfindet, ist normal und wünschenswert. Dass diese in der momentanen Situation besonders intensiv geführt wird, ist verständlich.

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Welche Eigenschaften braucht ein Notenbanker in der jetzigen Situation?
Es braucht ruhiges Blut, um die Situation nüchtern zu analysieren. Man darf sich auch nicht von einzelnen Meinungen beeinflussen lassen, nur weil diese in den Medien immer wieder geäussert werden. Das internationale Umfeld können wir zudem nicht ändern: Es ist so, wie es ist. Die SNB muss die Geldpolitik im ­Gesamtinteresse des Landes führen, ohne Partikularinteressen zu berücksichtigen. Und sie hat das Gesamtinteresse nicht nur für heute, sondern auch für die ­Zukunft im Auge zu behalten. Wir erfüllen diese Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen.

Laut Schätzungen hat die SNB seit letztem Frühling 20 bis 30 Milliarden Franken am Devisenmarkt ausgegeben. Ist das viel?
Wie Sie wissen, machen wir dazu keine ­genauen Angaben. An der Bilanz lässt sich aber ablesen, dass wir am Markt aktiv waren. Wir sind überzeugt, dass die Interventionen ihren Zweck erfüllen.

Was heisst das genau?
Jede Intervention am Markt erfolgt im Rahmen einer Güterabwägung. Wir ana­lysieren dabei immer genau, ob sich die damit verbundenen Kosten und Risiken lohnen. Unser Ziel ist es letztlich, stabilisierend zu wirken.

Momentan beträgt die Bilanz der SNB gut 600 Milliarden. Gemäss einer Umfrage soll die SNB bereit sein, bis auf maximal knapp 800 Milliarden Franken zu gehen.
Es gibt keine solche Limite. Im Januar kamen wir zum Schluss, dass weitere Interventionen zur Aufrechterhaltung des Mindestkurses nicht mehr sinnvoll waren. Deshalb haben wir Abstand von dieser Politik genommen. Sind wir jedoch davon überzeugt, dass eine Intervention einen nachhaltigen Zweck erfüllen kann, so sind wir auch in Zukunft bereit, unsere Bilanz entsprechend einzusetzen.

Laut Experten könnten Sie locker eine Mindestgrenze bei 1.10 Franken einführen.
Unsere Geldpolitik ist klar. Sie basiert auf zwei Säulen: Den Negativzinsen und der Bereitschaft, bei Bedarf am Devisenmarkt zu intervenieren. Dies soll insgesamt den Druck auf den Franken mindern. Gleichzeitig sind wir aktiv, wenn es darum geht, stabilisierend auf den Markt einzuwirken.

Haben sich die Negativzinsen bewährt?
Sie haben sich sehr gut bewährt. Sie haben die Attraktivität des Frankens reduziert. Durch die Negativzinsen hat sich die Zinsdifferenz zu anderen Währungen erhöht.

Wie beeinflusst es den Euro-Kurs, wenn Sie den Negativzins um 0,25 Prozent senken?
Präzise Aussagen hierzu sind schwierig. Der Wechselkurs wird dauernd von vielen Faktoren beeinflusst. Die Diskussion über die Geldpolitik in den USA zeigt aber, dass Zinsdifferenzen, selbst wenn sie nur erwartet werden, grosse Bewegungen am Währungsmarkt auslösen können. Der Dollar steigt oder fällt im Vergleich zum Euro und auch zum Franken prompt, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung neu eingeschätzt wird.

Insgesamt scheinen Sie zufrieden mit dem Entscheid, den Mindestkurs aufzugeben.
Wir haben uns diesen Entscheid nicht leicht gemacht. Aber auch heute sind wir zu 100 Prozent überzeugt, dass der Entscheid richtig war. Eine Verzögerung hätte wesentlich höhere Kosten für die Schweiz verursacht. Weiteres Zuwarten hätte noch grössere Erschütterungen an den Märkten hervorgerufen. Die SNB wäre nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Geldpolitik so zu führen, wie sie es heute tut. Die seither erfolgte Entwicklung des Euro gegenüber anderen Währungen bestätigt, dass die Nationalbank im Januar richtig lag. Wir haben es heute primär mit einer Euro-Schwäche zu tun und nicht mit einer isolierten Frankenstärke. 

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Was heisst das eigentlich: Euro-Schwäche? Ihre Aussagen und Ihr Handeln legen nahe, dass der Gleichgewichtskurs nicht mehr weit vom aktuellen Marktkurs entfernt ist.
Der Franken bleibt insgesamt deutlich überbewertet. Das ist eine wichtige Feststellung. Zentral ist, dass der Euro durch die Veränderung der Geldpolitik in Europa stark an Wert verloren hat – nicht nur gegenüber dem Franken, sondern auch gegenüber anderen wichtigen Währungen wie dem Dollar oder dem Pfund.

Dies ist ein Auszug aus dem grossen Interview mit dem Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank. Den gesamten Text lesen Sie in der morgen erscheinenden «Handelszeitung» – am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.