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Interview
«Wir stellen aggressive Abwerbeversuche fest»

«Wir stellen aggressive Abwerbeversuche fest»
Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch: «Schweizer Konkurrenz ist nicht zimperlich»   Keystone

Der Kampf um die Ansiedlung von Firmen wird hart geführt. Der Economiesuisse-Chefökonom erklärt, wie Abwerbeversuche ablaufen und warum die Schweizer nicht wirtschaftsfeindlicher als früher abstimmen.

Von Mathias Ohanian
am 09.04.2014

Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative hat die Unsicherheit in der Schweizer Wirtschaft erhöht. Vertragen sich direkte Demokratie und Wirtschaft schlechter als früher?
Die direkte Demokratie hat über mehrere Jahrzehnte massgeblich dazu beigetragen, dass die Schweiz heute ein attraktiver Wirtschaftsstandort ist. Abzulesen ist das an der moderaten Steuerbelastung ebenso wie an den günstigen Forschungsbedingungen für die Universitäten. Auch die Staatsfinanzen sind solide – unter anderem dank der Schuldenbremse, über die abgestimmt wurde. Es gibt nur sehr wenige negative Ausnahmen.

Auf die Minder-Initiative 2013 folgte im Februar die Initiative zur Masseneinwanderung. Die Einschläge für die Wirtschaft häufen sich. 
Internationale Geschäftsleiter haben die Rahmenbedingungen in der Schweiz in den vergangenen Jahren immer als sehr günstig empfunden – und gingen davon aus, dass dies auch künftig der Fall sein wird. Tatsächlich führte die Annahme der Minder-Initiative im vergangenen Jahr zu Unverständnis. Der eine oder andere internationale Geschäftsleiter stellte sich die Frage: Wie geht es in der Schweiz weiter?

Nach der Ablehnung von 1:12 wirkte die Minder-Initiative zunächst wie ein einmaliger Ausrutscher.
Und dann kam schon die Masseneinwanderungsinitiative. In kurzer Zeit gab es ein zweites, wenn auch äusserst knappes Ja zu einer wirtschaftskritischen Vorlage. Das hat die Unsicherheit verstärkt und führt dazu, dass Unternehmen die wirtschaftspolitische Stabilität in der Schweiz kritisch hinterfragen.

Nun steht die Abstimmung zum Mindestlohn an, der auch nach Kaufkraftparitäten der höchste der Welt wäre.
Ein Mindestlohn hätte für multinationale Firmen wenig direkte Auswirkungen, weil sie ohnehin hohe Löhne zahlen. Aber er würde einen schwerwiegenden Eingriff in den gut funktionierenden Schweizer Arbeitsmarkt bedeuten. Gegenüber Ländern wie Frankreich und Italien hat die Schweiz den grossen Pluspunkt, dass der Arbeitsmarkt relativ liberal ist. Hier stellen Firmen Arbeitskräfte auch deshalb ein, weil sie wissen, dass sie im Notfall diese Mitarbeiter in schlechten Zeiten wieder entlassen können.

Eine Annahme des Mindestlohns würde den Standort Schweiz in ihren Augen weiter schwächen?
Das wäre ein Signal dafür, dass auch unser Arbeitsmarkt stärker reguliert werden soll. Dies würde den Schweizer Standort deutlich weniger attraktiv machen und Standortkonkurrenten wie Irland zusätzlich in die Karten spielen.

Irland buhlt bereits kräftig um Firmen, damit diese ihren Schweizer Sitz nach Dublin verlagern. 
Die Schweizer Konkurrenz ist nicht zimperlich. Wir stellen relativ aggressive Abwerbeversuche fest – nicht nur vonseiten Irlands, auch von anderen Standorten.

Die da wären?
Attraktive Standorte sind auch Singapur oder London. Arabische Staaten haben  ebenfalls ein grosses Interesse daran, Schweizer Firmen an sich zu binden – zum Beispiel Abu Dhabi.

Und daran soll nun der 9. Februar Schuld sein?
Nein. Der Kampf um wertschöpfungsintensive Tätigkeiten wird seit einiger Zeit hart geführt. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative dient aber als weiteres Argument zugunsten dieser Länder. Besonders bei den sehr mobilen Unternehmen wirkt sich der Standortwettbewerb schneller aus. Traditionelle Schweizer Unternehmen bleiben dem Standort natürlich eher treu als Unternehmen, die erst kürzlich hierher gezogen sind.

Wie läuft denn ein solches Buhlen praktisch ab?
Es wird Werbung für den Standort gemacht, sei es bei öffentlichen oder privaten Anlässen. Über Kontaktleute werden Unternehmen gezielt angesprochen.

Welche Unternehmen denken denn noch über einen Standortwechsel nach?
Dazu haben wir nur anekdotische Evidenz. Typischerweise treffen Manager einen solchen Entscheid im Stillen und kommunizieren ihn erst, wenn er beschlossen ist.

Unterm Strich: Die direkte Demokratie ist ein hohes Gut. Aber es stehen mit der Ecopop-Initiative und jener über das Grundeinkommen in den kommenden Jahren weitere, für die Schweizer Wirtschaft kritische Abstimmungen an. Ist ihnen nicht bange?
Das Ja zur Masseneinwanderung sollte nicht als Abstimmung gegen die Interessen der Wirtschaft interpretiert werden. Vielmehr ging es um die Zuwanderung. Und hier hatten die Befürworter ein gewichtiges Argument in der Hand: Die hohe Nettozuwanderung von 80'000 Menschen pro Jahr. Die Ecopop- oder Grundeinkommensinitiative sind aber zu extrem und würden der Wirtschaft starken Schaden zufügen. Ich bin überzeugt, dass die Schweizerinnen und Schweizer daher diese Initiativen ablehnen werden.

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