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Geldreform
«Wir wollen die Privilegierung der Banken beenden»

Mark Joób: Der Ökonom will allein der SNB Macht über das Geld geben.   Mark Joób, Bloomberg

Die Verfechter des Vollgelds sammeln jetzt Unterschriften für ihre Initiative. Ein Wirtschaftsethiker der Uni St. Gallen schildert, warum Schweizer Firmen von weniger Bankenmacht profitieren sollen.

Von Mathias Ohanian
am 04.06.2014

Die Schweiz hat ihre Banken nach der Finanzkrise 2009 im weltweiten Vergleich stark reguliert. Bis die Massnahmen voll greifen, braucht es noch etwas Zeit. Warum wollen Sie mit der Vollgeld-Initiative nun alle Ambitionen der Schweiz, das Finanzsystem sicherer zu machen, über den Haufen werfen?
Mark Joób*: Wir sehen ganz klar, dass die Massnahmen, die nach der Finanzkrise ergriffen wurden, eigentlich nicht taugen. Die Ergebnisse sind recht bescheiden. Die Vergangenheit hat zudem gezeigt, dass Banken regulatorische Vorgaben oft umgehen können.

Warum plädieren Sie nicht einfach für sehr hohe Eigenkapitalquoten oder Mindestreservesätze für Banken, um die Sicherheit zu steigern?
Das Finanzsystem führt heute ständig zu Instabilitäten. Seit der Finanzkrise ist die Kreditvergabe für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) kaum angelaufen. Ein Grund dafür ist, dass Banken Kredite nur prozyklisch vergeben. Das heisst: Läuft die Wirtschaft, ist man sehr grosszügig. Verschwindet im Abschwung aber das Vertrauen, werden kaum Darlehen vergeben. Die Banken haben uns in der Hand – und der Staat hat kaum Einfluss. Das gilt umso mehr, als die Zinsen heute weitgehend bei Null liegen. Das Vollgeldsystem wäre besser für die KMUs.

Und Sie wollen nun die Schweizer Zentralbank mit mehr Macht ausstatten.
Die Bankengeldschöpfung wurde schon vor der Finanzkrise fast ausschliesslich für das Finanzsystem selbst verwendet. Das globale Finanzcasino wurde mit viel Geld ausgestattet. Wenn jetzt die Zentralbank das Monopol auf das Buchgeld bekommt, hat sie die Kontrolle, dass das Geld nicht in spekulative Finanzblasen gesteckt wird. Denn das Geld, das die Nationalbank schöpft, kommt zunächst dem Staat zugute – also allen Bürgerinnen und Bürger. Dieses Geld könnte dann zur Ausstattung des Sozialstaates verwendet werden, zur Rückzahlung von Staatsschulden oder direkt zur Kreditvergabe an die Realwirtschaft.

Das klingt nach Planwirtschaft. Woher weiss ausgerechnet der Staat besser, welche Unternehmen Darlehen brauchen?
Die Gegenwart zeigt doch, dass die Banken überhaupt nicht gerne Kredite an kleinere und mittlere Unternehmen zu vergeben. Die Banken haben bereits gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, für eine stabile Realwirtschaft zu sorgen. Zudem zeigen die vielen Fälle von Manipulation und Betrug bei den Geschäftsbanken, dass sie nicht fähig sind, ihr Profitstreben dem Gemeinwohl unterzuordnen.

Die Schweizer Wirtschaft steckt mitten im Aufschwung. In Zürich gibt es eine lebhafte Start-up-Szene. Man hört kaum Klagen, dass Unternehmen keinen Zugang zu Krediten haben. Warum braucht ausgerechnet die Schweiz das Vollgeld?
Die Situation in der Schweiz ist sicherlich wesentlich besser als in den Euro-Staaten. Aber auch hier gibt es Probleme mit der Finanzierung der Sozialsysteme, etwa der AHV. Mit dem Vollgeldsystem könnte das Gemeinwesen besser finanziert werden. Zudem ist es ein Gebot der Demokratie, dass eine so wichtige Infrastruktur wie das Geldsystem demokratisch kontrolliert wird.

Die Vollgeld-Initiative wirbt damit, dass mit dem Vollgeld der Wachstumsdruck auf die Wirtschaft sinke. In einer Gesellschaft ohne Wachstum geraten jedoch Arbeitsplätze in Gefahr. Verteilungskämpfe drohen und es wird schwieriger, das Sozialsystem zu finanzieren.
Das stimmt. Uns war es deshalb wichtig, das Thema Vollgeld vom Thema Nullwachstum, das sehr vielschichtig ist, zu trennen. Die Nachhaltigkeitsfrage ist ein grosser Komplex, den wir nicht behandeln wollen. Uns geht es darum, die Notenbank zu stärken und die Privilegierung der Banken zu beenden. Warum sollten gewinnmaximierende und auf Eigeninteresse bedachte Firmen das Monopol der Geldschöpfung besitzen und nicht der Staat?

Unterm Strich: Führt das Vollgeld zu weniger oder eher mehr wirtschaftliches Wachstum?
Die Effekte auf das Wachstum sind nicht eindeutig. Es gibt gegenlaufende Tendenzen: Einerseits besteht mit dem Vollgeld die Möglichkeit, das Wirtschaftswachstum auf ein ökologisch nachhaltiges Mass zu begrenzen. Denn die prozyklische Kreditvergabe wird gelindert. Andererseits würde das Vollgeld aber die Schuldenlast der Wirtschaftsakteure verringern. Dort steckt das Potenzial für das Wirtschaftswachstum. Der Internationale Währungsfonds kommt etwa zu dem Ergebnis, dass das wirtschaftliche Wachstum deshalb mit dem Vollgeld um rund 10 Prozent zulegen könnte.

Wie genau soll das Vollgeld Wachstumspotenziale freisetzen?
Das lässt sich bei privaten Konsumausgaben schön zeigen. Zum Beispiel zahlt man beim Kauf eines Bieres heute etwa 20 bis 30 Prozent für Zinsaufwendungen. Im Vollgeldsystem käme das Geld schuldfrei in Umlauf.

Aber die Schweiz hat doch mit rund 35 Prozent am Bruttoinlandprodukt eine der geringsten Staatsschuldenquoten in der industrialisierten Welt. Warum braucht ausgerechnet die Eidgenossenschaft das Vollgeld, wo es doch prima läuft?
Aber die Schweiz könnte ein Beispiel darstellen für andere Länder, in denen es schlechter läuft. Und die Schweiz hat grosse Probleme mit ihren Banken, die gemessen am BIP enorm gross sind. Das Problem des too-big-to-fail ist noch immer nicht gelöst. Am Ende könnte das Vollgeld sogar ein Standortvorteil für die Schweiz sein. Das Vollgeldsystem ist völlig vereinbar mit dem klassischen Liberalismus.

Wie das?
Im Vollgeldsystem wird das Privateigentum besser geschützt, weil die Bankeinlagen im Besitz der Bankkunden bleiben und auch im Fall einer Bankenpleite nicht verloren gehen.

Nun hängen an der Schweizer Finanzwirtschaft jedoch enorm viel Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Drohen mit der Vollgeld-Initiative nicht viele Jobs verloren zu gehen?
Diese Frage ist sicher berechtigt und wird wohl ein gewichtiges Argument gegen die Vollgeld-Initiative werden. Allerdings meine ich, dass wegfallende Arbeitsplätze in der Finanzwirtschaft kompensiert würden durch neue Jobs in anderen Bereichen. Außerdem sollten Arbeitsplätze, die mehr gesellschaftlichen Schaden als Nutzen bringen, nicht erhalten bleiben. Um es mit einem sehr extremen Beispiel zu illustrieren: Die Mafia sollte auch dann bekämpft werden, wenn sie Arbeitsplätze schafft.

Die SNB müsste dann ja einige Stellen schaffen.
Zum Beispiel. Aber auch die Banken würden natürlich weiterhin existieren, ebenso die Konten der Bankkunden.

* Mark Joób forscht am Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, lehrt als Professor an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Westungarischen Universität und ist Mitinitiator der Schweizer Vollgeldinitiative. Kürzlich erschien sein Buch «Grundlagen einer neuen Wirtschaftsethik und die Notwendigkeit einer Geldreform».

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