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Interview
«Zuwanderung hat ländlichen Regionen genützt»

Ländliche Regionen sind von Abwanderung bedroht: Szene in Stein. Keystone

Ökonom Beat Stamm erklärt, wo die Schweiz gewachsen ist und warum man einzelne Branchen und Regionen nicht gegeneinander ausspielen sollte.

Von Simon Schmid
am 26.04.2017

Wo wächst die Schweiz?
Beat Stamm*: Eigentlich in allen Regionen. Das grösste Wirtschaftswachstum gab es dank der Pharma in Basel sowie dank dem Rohstoffhandel in der Zentralschweiz und im Bassin Lémanique. Im Genferseegebiet kam zusätzlich ein hohes Bevölkerungswachstum dazu.

Heisst mehr Wirtschaftswachstum auch mehr Wohlstand?
Tendenziell ja. Wegen der hohen Zuwanderung hat sich das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf in Regionen wie dem Genferseegebiet zwar nicht so stark entwickelt wie das gesamte BIP. Trotzdem hat die ganze Region von der Dynamik profitiert.

Und die Verdrängungseffekte durch hohe Mieten?
Diese Effekte gibt es, allerdings lassen sie sich schwer in Zahlen fassen. Das Unbehagen gegen die Zuwanderung ist eher auf dem Land spürbar, also nicht in den Städten, wo die Mieten am höchsten sind. Was etwas paradox ist, da die Zuwanderung gerade den ländlichen Regionen nützt. Denn sie wirkt der Entvölkerung entgegen: Die Immobilien behalten ihren Wert, Dorfläden können sich eher halten, es müssen weniger Schulen schliessen.

Profitiert die breite Bevölkerung vom Rohstoffhandel?
Der Rohstoffhandel selbst ist nicht personalintensiv. Von wertschöpfungsstarken Industrien profitiert eine Region aber trotzdem, sei es durch Steuereinnahmen, durch Investitionen von Zulieferfirmen oder durch die Bildung eines Clusters mit weiteren Unternehmen. Die Zentralschweiz ist nicht nur wegen der Zuger Händler gewachsen, sondern auch aus anderen Gründen: gute Erreichbarkeit, niedrige Steuerbelastung. In Luzern, Zug und Nidwalden gab es ein breites Stellenwachstum und viele Firmen haben sich angesiedelt.

Auf Kosten der anderen Regionen?
Nein, das ist nicht mein Eindruck.

Ostschweiz und Mittelland haben viel Industrie – und wenig Wachstum. Ist die Industrie ein Standortnachteil?
Nein, sicher nicht. Basel zeigt, dass eine Region auch mit einer grossen Industrie wachsen kann. Auch der ­Jurabogen hat lange Zeit von der Uhrenindustrie profitiert. Industriebetriebe sind, anders als Dienstleistungsbranchen, geografisch oft breit gestreut und erhöhen das Angebot an Arbeitsplätzen in ländlichen Gebieten. Eine solche Wirtschaftsstruktur aus vielen KMU kann sich in einer Krise auch als Vorteil erweisen. Man sollte Branchen also nicht gegeneinander ausspielen.

Sie sagen eine Erholung voraus, die grade den Industrieregionen zugutekommt. Ausgleichende Gerechtigkeit?
Wenn der globale Aufschwung anhält, gibt es tatsächlich eine Trendwende. Dann würde etwa die Ostschweiz zu den Gewinnern gehören, anders als in den letzten Jahren. Die anziehende Baukonjunktur dürfte der Region zusätzlich helfen. Basel bleibt dank der Pharma sowieso auf der Siegerstrasse. Dagegen dürfte die Dynamik in Regionen mit vielen Rohstoffhändlern nachlassen.

Trotz tendenziell steigenden Rohstoffpreisen?
Rohstoffhändler profitieren von tiefen Preisen, weil sie dann weniger Kapital brauchen. Und sie profitieren von volatilen Preisen, weil dann die Margen grösser werden. Beides war zuletzt der Fall. In den nächsten Jahren wird aber mit eher stetigen, steigenden Preisen gerechnet.

Sie rechnen auch mit einem schwächeren Franken. Was passiert, wenn der Franken stark bleibt?
Dann entwickelt sich das Wachstum in den industrie- und exportlastigen Regionen weniger vorteilhaft. Alle Prognosen sind naturgemäss mit Risiken behaftet: Die globalen Konjunkturampeln stehen zwar auf Grün, die entsprechenden Indikatoren sind im Wachstumsbereich, die Zeichen für eine Fortsetzung des Aufschwungs sind da. Aber politisch kann noch vieles passieren.

* Der Ökonom Beat Stamm ist Bereichsleiter Regionen beim Forschungsinstitut BAK Basel.

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