Die Folgen des Austritts eines Landes aus dem Euro würden von vielen völlig unterschätzt, sagt der Ökonom Aymo Brunetti. Es handle sich um ein völlig unkalkulierbares Grossrisiko mit einem gefährlichen Ansteckungseffekt.

Man habe sich schon fast an die Vorstellung gewöhnt, dass Griechenland früher oder später aus dem Euro austreten werde. «Für das Land hiesse das Chaos und Hyperinflation», sagte Brunetti in einem Interview mit der «Basler Zeitung». Er hatte Anfang Jahr vom Staatssekretariat für Wirtschaft als ordentlicher Professor an die Uni Bern gewechselt.

Für den Euroraum gäbe dies erst einmal unmittelbar sehr hohe Kosten, weil die EU-Staaten direkt oder über die Europäische Zentralbank schon hohe Zahlungen an Griechenland geleistet hätten. Würde man die Drachme einführen, wären das mehrere hundert Milliarden Euro, die man abschreiben müsste.

«Viel gefährlicher ist aber der drohende Ansteckungseffekt», sagte Brunetti. «Angenommen, Sie sind Portugiese und sehen, dass Griechenland aus dem Euro austritt und die griechischen Sparer bei der erzwungenen Umwandlung ihrer harten Euro in weiche Drachmen massiv verlieren. Das Erste, was sie tun: Sie holen ihr Geld von der Bank.»

Wenn das viele täten, breche das dortige Bankensystem zusammen. «Was tun nun die Spanier? Und dann die Italiener? Oder gar die Franzosen?»

Die Einführung des Euro habe bisher immer als unwiderruflich gegolten. «Es wäre ein Tabubruch, wenn das rückgängig gemacht würde», sagte Brunetti im Interview. Er sei überzeugt, dass bei einem Auseinanderbrechen des Euroraums eins Bankenkrise drohe, welche die Bankenkrise von 2008 harmlos erscheinen lassen könnte.

Generell sei er der Meinung, «dass der einzige Weg für die Eurozone zu den - wirtschaftlich - Vereinigten Staaten von Europa führt». Das sei die logische Konsequenz einer Währungsunion mit so ungleichen Mitgliedern. Damit verbunden sei eine Vereinheitlichung der Bankenregulierung, also der logische Schritt in Richtung Bankenunion.

Derweil schliesst Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone aus. «Es wird nicht passieren. Es sei denn, Griechenland verletzt alle Auflagen und hielte sich an keine Vereinbarung», sagte Juncker in einem am Samstag veröffentlichten Interview der «Tiroler Tageszeitung».

Er gehe davon aus, «dass Griechenland versuchen wird, seine Anstrengungen zu verdoppeln und die gesteckten Ziele zu erreichen«. Daher gebe es keinen Anlass zur Annahme, «dass dieses Ausstiegsszenario relevant werden kann». Einen griechischen Euro-Austritt hält Juncker für «technisch gestaltbar», politisch jedoch nicht.

(muv/sda)