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Sorgen
Schweizer Touristiker sorgen sich um die Briten

Tourismus Schweiz: Briten kommen seit zehn Jahren immer weniger. Keystone

Am liebsten besuchen britische Touristen in der Schweiz das Wallis. Diese Nachricht bereitet den Tourismusvertretern angesichts des Brexit nun Sorgen. Ganz neu ist die Situation allerdings nicht.

Veröffentlicht am 28.06.2016

Die Entscheidung der Briten, die EU verlassen zu wollen, dürfte von allen Schweizer Tourismusregionen das Wallis am härtesten treffen. Das erklärte der Vizedirektor von Schweiz Tourismus, Urs Eberhard, gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Als langfristige Gegenmassnahme sehen Verantwortliche nur eine kontinuierliche Verbesserung der Qualität.

Die Briten haben die Schweiz mit ihrem Enthusiasmus vor rund 150 Jahren zum Land des Wintertourismus gemacht. Auch heute noch sind sie eine wichtige Kundengruppe in der Eidgenossenschaft. Die Gäste aus Grossbritannien standen 2015 mit einem Marktanteil von 8,4 Prozent unter den ausländischen Reisenden für rund 1,6 Millionen Logiernächte in der Schweiz. Damit sind die Briten nach Deutschland und den USA der drittwichtigste ausländische Reisemarkt der Schweiz.

Wallis als Top-Destination

Allerdings verteilten sich die Touristen aus Grossbritannien ganz unterschiedlich über die Regionen. Das wird besonders deutlich, wenn man die Logiernächte nach Winter- und Sommersaison aufsplittet. Die Briten stellen dann nämlich vor allem für das Wallis eine wichtige Kundengruppe dar. Im Winter stehen sie hier für rund 170'000 Logiernächte – erst mit Abstand kommt während der kalten Jahreszeit die Zürich-Region auf rund 138'000 Übernachtungen von Briten.

Im Sommer landet das Wallis unter den Schweizer Tourismusregionen immer noch mit 72'000 Logiernächten von Briten auf dem 4. Platz, nach Zürich (171'000), dem Berner Oberland (147'000) und Genf (137'000).

Konsequenzen im Winter sichtbar

Daher könnte das Wallis laut Schweiz Tourismus auch am stärksten vom Brexit getroffen werden. Bereits am Freitag vergangener Woche brach die britische Währung förmlich ein und verteuerte damit die Ferien im Ausland für die Inselbewohner enorm.

Laut Damian Constantin, Direktor der Walliser Vermarktungsgesellschaft Wallis Promotion, ist es aber noch zu früh, um konkrete Auswirkungen des Brexit auf den Tourismus in seiner Region zu sehen. Allerdings habe die Unsicherheit ganz klar zugenommen und dies sei nie gut für das Tourismusgeschäft, sagte er gegenüber der sda. Für die Sommermonate sieht er zwar keine grösseren Auswirkungen, weil die Buchungen bereits getätigt wurden, allerdings könnte es in der Wintersaison einen Negativeffekt geben. Dies hänge aber stark von der Entwicklung der Währungsrelation zum britischen Pfund ab.

Massnahmen im In- und Ausland

Was könnte man also tun? Kurzfristig sei der Fremdenverkehr im Wallis stark von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im nahen Ausland abhängig. Langfristig sieht Constantin nur zwei Möglichkeiten. Erstens sollte es eine gezieltere Marktbearbeitung geben, statt Fördermassnahmen mit der Giesskanne zu verteilen. Zweitens sollte man ständig die Qualität des Angebots und damit das Preis-Leistungs-Verhältnis verbessern.

Zu ersterem trägt etwa eine Schneehalle in der Nähe von London bei. Interessierte an Wintersport sollen so direkt zu Ferien in der Schweiz animiert werden. Als Qualitätsverbesserungen nennt der Direktor die Erneuerungen der Bergbahnen sowie Infrastrukturen, die Schnee garantieren sollen. Zudem habe das Wallis einen Fonds gegründet, der nachhaltige Projekte fördere.

Sorgen in der Ostschweiz

Aber auch in anderen Regionen macht man sich Gedanken zu den Brexit-Auswirkungen. Auch die Chefin von Graubünden Ferien, Miriam Keller, verfolgt mit Sorge die Währungsänderungen nach dem Austrittsentscheid.

Zwar ist der Anteil bei Gästen aus Grossbritannien mit rund 3 Prozent aller Logiernächte nicht so hoch, wie in anderen Regionen der Schweiz. Aber der wichtigste Auslandsmarkt, nämlich Deutschland, reagiert ebenfalls sehr empfindlich auf die Entwicklung von Währungen. Mit Sorge verfolgt Keller daher die Buchungslage für die anstehende Herbst- und Wintersaison, für die noch kaum Buchung getätigt wurden.

Preis ist wenig flexibel

Die Verunsicherung über die Entwicklung des Wirtschaftsgeschehens dürfte generell zu einer reduzierten Reisetätigkeit führen, sagt Keller. Allerdings bleibt zu hoffen, dass die Hauptreisegruppe für Graubünden, nämlich die Schweizer Kundschaft, weiterhin treu bleiben wird. Insofern könnte Graubünden sogar profitieren, weil Kunden in unsicheren Zeiten häufig auf Produkte zurückgreifen, mit denen sie in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht haben.

Bei Luzern Tourismus – in dieser Region übernachteten im vergangenen Sommer rund 13 Prozent weniger Briten – verweist eine Mediensprecherin darauf, dass Engländer treue Kunden und vor allem Frühbucher seien. Daher dürfte sich der Brexit eher langfristig auf die Gästezahlen auswirken. Weil man beim Preis häufig nichts machen könne, versuchten die Verantwortlichen in der Region Luzern am Erlebniswert zu arbeiten und auch die Ansprache der Kundschaft über das Erlebnis zu intensivieren.

Tendenz sinkend

Schweiz Tourismus-Vizedirektor Eberhard gibt sich denn überzeugt, dass sich die engen Beziehungen zwischen der Schweiz und Grossbritannien weiterhin positiv auf die Bereitschaft auswirken werden, in die Schweiz zu reisen.

Allerdings sehen die Zahlen etwas anders aus, denn im Zeitraum von 2005 bis 2015 sind die Logiernächte in der Schweiz von Reisenden aus dem Vereinigten Königreich um über 18 Prozent auf nunmehr 2,1 Millionen Übernachtungen zurückgegangen. Und ausschlaggebend dafür war nicht wie am Freitag geschehen ein Schock an den Finanzmärkten, sondern ein langfristiger Wertzerfall von fast 30 Prozent des britischen Pfunds gegenüber dem Franken.

(sda/jfr/ama)

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