Die Stars ihrer Nationalteams begegnen sich auf Augenhöhe. Buchstäblich zumindest: Lionel Messi und Xherdan Shaqiri sind beide 1,69 Meter klein. Fussballerisch jedoch reicht der Schweizer Kraftwürfel trotz seiner drei Tore gegen Honduras nicht an den Weltfussballer heran. Das gilt auch mit Blick auf die Mitstreiter: Der Wert des Schweizer Nationalteams beziffert sich insgesamt auf knapp 180 Millionen Euro. Der argentinische Kader kommt auf einen über doppelt so hohen Wert.  Allein Ausnahmekönner Messi ist 120 Millionen Euro teuer.

Die Albiceleste (übersetzt: weiss-himmelblau), so der Spitzname des argentinischen Teams, gehört noch immer zu den Favoriten auf den WM-Titel. Und die Fans in dem südamerikanischen Land erwarten auch nichts anderes als den Sieg im Final. Deutlich niedriger sind die Erwartungen der Menschen mittlerweile an die Wirtschaft. Das Wehklagen ist vielerorts gross – angesichts zweistelliger Inflationsraten. Die dürften in der Realität sogar noch höher sein: Erst im vergangenen Jahr rügte der Internationale Währungsfonds Argentinien dafür, geschönte Wirtschaftsdaten zu veröffentlichen.

Argentinien steckt erstmals wieder in der Rezession

Trotz dem Vorwurf mutmasslich aufgehübschter Zahlen ist seit vergangener Woche klar: Die drittgrösste Volkswirtschaft Lateinamerikas steckt wieder in der Rezession. Zu Jahresbeginn schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent, nach einem Minus von 0,5 Prozent Ende 2013. Neben der hohen Inflation gelten stark gestiegene Zinse als Hauptgrund für die wirtschaftliche Misere. Immer mehr Fachleute rechnen damit, dass das Bruttoinlandprodukt auch im Kalenderjahr 2014 erstmals seit der unrühmlichen Umschuldung vor gut zwölf Jahren sinken wird. Allein 2002 ging es um fast 11 Prozent bergab.  

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Stockende Verhandlungen mit Investoren verschärfen die aktuellen Probleme. Die Folgen des Staatsbankrotts von 2001 haben das Land eingeholt. 93 Prozent der Gläubiger erklärten sich damals bereit, an der Umschuldung teilzunehmen. Dagegen fordern einige Hedgefonds bis heute, dass ihre Anleihen komplett zurückgezahlt werden. Das oberste US-Gericht bestätigte vergangene Woche, dass Argentinien erst die klagenden Hedgefonds auszahlen muss – bevor die anderen Gläubiger bedient werden dürfen. Noch ist der Ausgang der Verhandlungen offen, doch Argentinien steht unter Zeitdruck. Und dem Land droht die Zahlungsunfähigkeit – wieder einmal.

Argentinien: Achtzig Jahre politische Instabilität

Dabei war Argentinien dereinst einer der wohlhabendsten Staaten der Welt. Noch 1913 – vor gut hundert Jahren also – war man gemessen am Pro-Kopf-Einkommen das zehntreichste Land der Erde. Das Wohlstandsniveau war vergleichbar mit dem anderer Einwanderungsländer wie Kanada und Australien. Vor allem der stark exportorientierte Agrarsektor bescherte dem Land seit Mitte des 19. Jahrhunderts fabelhafte Wachstumsraten von durchschnittlich sieben Prozent pro  Jahr.

Doch wie konnte ein so reiches Land einen derartigen Niedergang erleben? Ein häufig genannter Grund für den Absturz ist die seit 1930 – und bis heute anhaltende – politische Instabilität. Immer wieder wurden seither gewählte Regierungen vom Militär gestürzt und durch blutige und weniger blutige Diktaturen ersetzt. Andere Fachleute sehen die Gründe des Niedergangs noch früher: Nach der Zeit der Nutzbarmachung der Pampa gegen 1913 hätte des Land es verpasst, seine Wirtschaft zu industrialisieren. Deshalb sei man von der Weltwirtschaftskrise so hart getroffen worden, als viele andere Länder hohe Importzölle einführten.

Fachleute rätseln über die Gründe für Argentiniens Niedergang

Liberale Ökonomen sehen die Ursachen dagegen vor allem in der Politik des Populisten Juan Perón. Der zweimalige Präsident aus den Reihen des Militärs (1946 bis 1955 und 1973 bis 1974) wollte mit hohen Importhemmnissen die Industrialisierung forcieren. Die Politik, die dem Land die Unabhängigkeit vom Weltmarkt hätte sichern sollen, habe den Agrarsektor zerstört, wird von liberaler Seite argumentiert.

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Für die Linken ist dagegen klar, dass die letzte Militärdiktatur (1976 bis 1983) eine Hauptschuld an der Krise des heutigen Argentinien trägt. Das rechtsgerichtete, autoritäre und ultranationalistische Militärregime, dem wohl an die 30'000 Menschen zum Opfer fielen, hat nach dieser Lesart auch die Wirtschaft zerstört. Als Gründe werden unter anderem der ruinöse Falklandkrieg gegen England und der Beginn einer vergleichslosen Schuldenwirtschaft unter der Junta angegeben.

Nach Niederlage handgreiflich

Ähnlich wie die ökonomische Zunft über das sogenannte «Argentinien-Paradox» streitet, agieren die Spieler der Albiceleste gerne mal auf dem Platz. Zuletzt fielen die Gauchos bei der WM 2006 aus der Rolle, als sie nach der Viertelfinalniederlage gegen die Deutschen handgreiflich wurden. Für die Nati und ihren Topscorer Shaqiri ist also durchaus etwas drin heute – trotz Superstar Messi. 

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