Wie schwer es ist, verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen, erfährt Raghuram Rajan in dieser Woche mit besonderer Härte. Der Chef von Indiens Zentralbank kämpft seit Tagen gleich an mehreren Fronten um die abhanden gekommene Gunst der Anleger. Und obwohl der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) am Dienstag drastische Massnahmen ankündigte, rissen die Hiobsbotschaften nicht ab: Die Landeswährung sackte am Mittwoch auf ein neues Rekordtief. Ein Dollar kostete zwischenzeitlich rund 65 Rupien. Zumindest sanken die Renditen für Staatsanleihen nach massiven Anstiegen in den Vortagen nun erstmals wieder.

Die Panik der internationalen Investoren ist indes nicht nachhaltig gestoppt - und bleibt nicht auf Indien beschränkt. Betroffen sind fast alle grossen Schellenländer rund um den Globus. Schuld ist Experten zufolge das nahende Ende der laxen US-Geldpolitik.

Ein Viertel der Schweizer Exporte geht nach Asien

Das ist gefährlich, weil die aufstrebenden Volkswirtschaften der wichtigste Treiber des globalen Wachstums in den Jahren nach der Finanzkrise waren. Entsprechend gewannen sie auch für die Schweizer Wirtschaft an Bedeutung. Fast ein Viertel aller Ausfuhren geht heute nach Asien. Helvetische Konzerne wie der Lebensmittelhersteller Nestlé investieren viele Milliarden, um sich in Fernost zu etablieren. Der Pharmariese Novartis beispielsweise erwirtschaftet bereits 25 Prozent seines Umsatzes in Asien, im Pazifikraum und Afrika.

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Was die Länder tun, um sich vor dem Absturz zu retten, ist deshalb auch für die Schweiz wichtig. Handelszeitung.ch gibt einen Überblick zu den gefährdetsten aufstrebenden Nationen und ihren Massnahmen.

  • Indien: Am stärksten betroffen

Nahezu im Stundenrhythmus bemühen sich indische Politiker derzeit den Eindruck zu zerstreuen, dass überhaupt eine Krise existiert - ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie besonders schwer sein muss. Die Rupie befindet sich im freien Fall. Die Analysten der Deutschen Bank gehen davon aus, dass ein Dollar bald 70 Rupien wert ist. Das ist problematisch, weil Indiens Wirtschaft viel mehr Waren und Dienstleistungen einführt als sie exportiert: Die Lücke in der Leistungsbilanz liegt bei fünf Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die Gefahr von steigenden Preisen droht. Zudem ist das Land auf ausländisches Geld angewiesen. Und eben das wird immer teurer: Am Dienstag stiegen die Renditen für Indiens Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vor fünf Jahren. Immerhin erholte sich die Lage am Mittwoch. Langfristig stellen die hohe Korruption und der mangelnde Reformwille der Regierung Beobachtern zufolge die grössten Gefahren dar. Noch 2010 wuchs Indiens Wirtschaft um über elf Prozent – da konnte selbst China nicht mithalten. Vergangenes Jahr gab es hingegen nur noch ein Plus von knapp vier Prozent.

  • Brasilien: Real wird gemieden

Die grösste Volkswirtschaft Südamerikas befindet sich ebenfalls unter verschärfter Beobachtung der Investoren. Brasiliens Währung sank jüngst auf den tiefsten Stand seit 2009. Zwar profitiert davon die Exportwirtschaft. Doch die  Wirtschaft wuchs in den vergangenen Jahren vor allem dank der gewachsenen Mittelschicht und ihren Ausgaben. Ein schwächerer Real belastet nun die Konsumenten. Experten rechnen damit, dass die Wirtschaftsleistung 2013 nur noch 2,2 Prozent zulegt - zu wenig für ein aufstrebendes Schwellenland. Zum Vergleich: 2010 gab es noch ein Plus von über 7 Prozent.

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Wegen der Währungsverluste warnte Finanzminister Guido Mantega Investoren vor Wetten gegen den Real: Wer auf einen weiteren Kursverfall setze, dem drohten Verluste, sagte er Anfang der Woche. Die Regierung verfüge über mehrere Instrumente, um am Devisenmarkt zu intervenieren, darunter auch Reserven von 370 Milliarden Dollar.

  • Indonesien: Jakartas Börse verliert am meisten

Indonesien galt dank seiner grossen Bevölkerung und dem wachsenden Konsumhunger lange als Geheimtipp für viele ausländische Anleger. Diese Zeit ist vorerst vorbei: Investoren haben auch Jakarta ins Visier genommen. Im vergangenen Monat verlor der Index an der Börse Jakarta am stärksten in Asien. Allein in den letzten fünf Tagen gab es ein Minus von über 10 Prozent. Auch die indonesische Rupiah büsste weiter ein.

Indonesien ist Grossexporteur von Rohstoffen wie Kautschuk und leidet unter dem sinkenden Heisshunger Chinas. Vergangenen Freitag meldete das Land einen starken Anstieg des Defizits in der Leistungsbilanz im Frühjahr. Gegenüber Jahresbeginn verdoppelte sich die Lücke beinahe und liegt heute bei rund 10 Milliarden Dollar. Damit steigt - wie in anderen Schwellenländern auch - die Abhängigkeit von ausländischen Geldern. Immerhin wächst die Gesamtwirtschaft  laut IWF mit über 6 Prozent noch immer stabil und Regierung sowie Notenbank haben Kriseninstrumente in der Hinterhand - wie eine mögliche Zinserhöhung. Weil die Gesamtverschuldung vergleichsweise gering ist, sind zusätzliche Staatsausgaben ebenfalls möglich.

  • Russland: Moskau senkt Prognosen schrittweise

Die russische Wirtschaft wuchs im Frühjahr gegenüber dem Vorjahr nur noch um 1,2 Prozent - und damit so schwach wie seit der Rezession im Krisenjahr 2009 nicht mehr. Gegenüber Jahresbeginn könnte es Experten zufolge sogar das zweite Quartal in Folge ein Minus gegeben haben. Das hiesse nach gängiger Definition, dass Russlands Wirtschaft bereits in eine Rezession gerutscht ist.

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Erst am Mittwoch schraubte Moskau die Erwartung an das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr herunter: Das Bruttoinlandprodukt wird demnach um weniger als die vorhergesagten 2,4 Prozent zulegen. Erst im Frühjahr hatte die Regierung ihre Prognose von 3,6 Prozent gesenkt. Ein grosses Problem: Die russische Wirtschaft ist extrem abhängig von der internationalen Nachfrage nach Rohstoffen wie Öl und Gas - hier erwarten Fachleute in den kommenden Monaten nur eine schwache Erholung.

  • China: Die Führung hält sich bedeckt

Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt ist von der Investorenpanik in diesen Tagen nur periphär betroffen. Was nicht heisst, dass alles im Lot ist. Vielmehr warnen diverse renommierte Beobachter wie der Nobelpreisträger Paul Krugman vor einem jähen Ende des Aufschwungs - das jedoch bereits seit Monaten. Das grosse Problem: Die chinesische Wirtschaft ist extrem abhängig von Investitionen, die inzwischen fast die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung ausmachen.

Doch Pekings Regierung um Premier Li Keqiang ist bereits dabei, gegenzusteuern. Die Löhne steigen, das soll den Konsum der privaten Haushalte ankurbeln. Ob die Umstellung der Wirtschaft reibungsfrei klappt, ist offen. Beobachter sind immerhin optimistisch. Immerhin deuten kurzfristige Indikatoren auf eine leichte Belebung hin. Und im Schnitt rechnen Beobachter damit, dass Chinas Wirtschaft das Wachstumsziel der Regierung in diesem Jahr erreichen wird. Peking visiert ein Plus von 7,5 Prozent an - das ist mehr als in allen grossen Volkswirtschaften rund um den Globus.

(mit Material von SDA und Reuters)