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Frankenschock
«Selbst Italien besser als die Schweiz»

Die ETH-Forscher haben ihre Prognose gesenkt und sagen eine Rezession voraus. Experte Jochen Hartwig erklärt, was Schweizer Firmen und Konsumenten erwartet, und was das für die Zuwanderung bedeutet.

Von Mathias Ohanian
am 28.01.2015

Sie haben Ihre Konjunkturprognose für die Schweiz drastisch von knapp zwei Prozent auf minus 0,5 Prozent in diesem Jahr gesenkt. Wie wirkt der Frankenschock auf die Gesamtwirtschaft?
Jochen Hartwig*: Der unmittelbare Effekt der Währungsaufwertung kommt über die Exporte. Davon betroffen ist zum Beispiel der Tourismus. Hart wird es auch für die Finanzbranche: Viele Banken machen die meisten ihrer Geschäfte in Dollar oder Euro. In Franken umgerechnet sinken die Gewinne entsprechend. Doch auch die Industrie leidet: Einige Exportfirmen dürften dauerhaft Kunden verlieren. Es ist also ein breites Spektrum betroffen. Das wirkt sich entsprechend deutlich aus.

Geht es bereits heute deutlich nach unten?
Firmen reagieren zwar zeitverzögert auf die schwächere Nachfrage aus dem Ausland. Doch den massivsten Rückgang erwarten wir schon für das anstehende Frühjahrsquartal, also von April bis Juni. Im Sommer dürfte die Wirtschaftsleistung noch einmal deutlich schrumpfen, bevor es gegen Jahresende wieder leicht nach oben geht. Wichtig zu betonen ist allerdings, dass so heftige Währungsschocks wie der jetzige sehr selten sind und die Zuverlässigkeit von Prognosen beeinträchtigen.

Aber wird die Schweiz damit zum wirtschaftlichen Schlusslicht in Europa?
Wir gehen davon aus, dass sich die Schweiz gesamtwirtschaflich in diesem Jahr schlechter entwickeln wird als die grösseren Länder in Westeuropa. Die Euro-Zone erholt sich, das Bruttoinlandprodukt von Frankreich und Deutschland dürfte jeweils um rund ein Prozent steigen, für Grossbritannien erwarten wir fast drei Prozent Zuwachs. Selbst Italien dürfte dürfte ein leichtes Wachstum verzeichnen und daher besser abschneiden als die Schweiz.

Erreicht die Schweiz irgendwann wieder den Pfad, den sie ohne den Währungsschock eingeschlagen hätte?
Wir rechnen nicht damit – zumindest bis 2016 kommt es zu einer Niveauverschiebung nach unten: Wie angesprochen dürften viele Exporteure dauerhaft Kunden verlieren, Jobs in der Schweiz dauerhaft verloren gehen. Wir gehen zudem davon aus, dass sich der aussenwirtschaftliche Schock auf das Inland überträgt.

Wie das?
Zwar wird sich der Konsum anfänglich halten. Doch unter den zunehmend stagnierenden Einkommen leiden auch die Ausgaben der privaten Haushalte. Investitionen dürften ebenfalls zögerlicher erfolgen. Das drückt schliesslich auf die öffentlichen Finanzen. Damit werden auch Kanone und Gemeinden zurückhaltender.

Das wird auch die Arbeitslosigkeit nach oben treiben, denn gerade staatsnahe Bereiche schufen in den letzten Jahren viele Jobs…
Ja. Das Bildungs- und Gesundheitswesen gehörte seit der Finanzkrise zu den grössten Jobmotoren. Dort dürften deutlich weniger Arbeitsplätze neu geschaffen werden, in der Privatwirtschaft rechnen wir sogar mit Stellenstreichungen. Die international vergleichbare Arbeitslosenquote, die auch Ausgesteuerte berücksichtigt, dürfte 2016 auf fast 5 Prozent steigen.

Das wäre ein ähnliches Niveau wie in Deutschland und Österreich. Was kann der Bundesrat dagegen tun?
Leider ist die klassische Fiskalpolitik gegen Schocks durch Währungsaufwertungen relativ machtlos. Denn die Nachfrage aus dem Ausland geht zurück, das ist von Bern aus schwer zu steuern.

Damit stünden die Schweizer Exportfirmen relativ allein da. Wird die Schweiz für Zuwanderer nun ebenfalls unattraktiver?
Wegen der Frankenaufwertung wird es attraktiver für Ausländer, hier zu arbeiten. Wenn aber die Jobs fehlen, werden auch weniger Zuwanderer in die Schweiz kommen. Wir rechnen heute mit 15'000 weniger Zuwanderern für dieses Jahr als noch im Dezember. Damals hatten wir insgesamt eine Nettomigration von rund 80'000 Personen veranschlagt.

* Jochen Hartwig leitet den Bereich Internationale Wirtschaft bei der Kof Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

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