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Revolution
Sieben Technologien für einen Innovationsschock

Schwache Produktivität, kaum Wachstum – Pessimisten befürchten eine «säkulare Stagnation» in den Industriestaaten. Ein Innovationsschock könnte beflügeln – und steht womöglich bereits vor der Tür.

Von Dominic Benz
am 22.10.2015

Wirtschaftspessimisten nehmen den Begriff gerne in den Mund: «säkulare Stagnation». Geprägt hat ihn der Harvard-Ökonom und frühere US-Finanzminister Larry Summers nach der letzten Finanzkrise. Er sieht das Potenzial der US-Wirtschaft dauerhaft gesunken und heute deutlich geringer als vor der Krise. Der industrialisierten Welt könnten Jahre mit nur schwachem Wachstum drohen, prophezeit Summer. Schuld seien strukturelle Zwänge.

Das Problem scheint nicht auf die grösste Volkswirtschaft der Welt beschränkt. Die Eurozone legt wirtschaftlich ebenfalls kaum zu. Und Japan kämpft seit vielen Jahren mit verschwindend geringen Zuwächsen.

Demografie bremst

Tatsächlich aber sprechen einige Trends der jüngeren Vergangenheit gegen Summers’ Prophezeiung. Die Ökonomen der Privatbank Pictet haben herausgearbeitet, welche Kraft Innovationen auf das langfristige Wirtschaftswachstum haben können.

Zwar räumen die Genfer Anlageexperten ebenfalls ein, dass der strukturelle Gegenwind zugenommen hat. Als bremsende Faktoren nennen sie neben der zunehmend ungünstigen Demografie und der stagnierenden Bildungsentwicklung auch die steigende Verschuldung der öffentlichen Hand als Wachstumshemmer (siehe Bildergalerie oben).

Sieben Quellen für eine Revolution

Doch anders als Summers sind die Pictet-Ökonomen nicht überzeugt, dass den Industrieländern eine säkulare Stagnation droht – im Gegenteil. Denn der Treiber fürs Wachstum sei Fortschritt in der Technologie. Ein sogenannter Innovationsschock könne die schwächelnde Produktivität befeuern, die bremsenden Faktoren überwinden und letztlich die Weichen für ein stärkeres Wirtschaftswachstum stellen.

Glaubt man Pictet, könnte eine solche wachstumstreibende Revolution schon bald Realität werden. Auf jeden Fall sehen die Studienverfasser bereits erste Anzeichen dafür. Die Ökonomen haben insgesamt sieben Sektoren identifiziert, die aufgrund radikaler Innovationen ganze Branchen aufmischen und die Wirtschaft nachhaltig befeuern könnten. Dazu gehören die Weiterentwicklung des Internets, der Ausbau von fahrerlosen Autos etwa, die Revolution im Bereich der Speicherung von Massendaten oder auch die Errungenschaften in den Biowissenschaften (siehe Bildergalerie).

Angebot treibt Nachfrage

Des Öfteren haben in der Vergangenheit Innovationsschocks das gesamtwirtschaftliche Wachstum beflügelt. Das Spinnrad etwa zu Beginn der industriellen Revolution. Die Genfer führen als Beispiel das Aufkommen von Computern und anderen Kommunikationstechnologien in den 1990er Jahren an. Diese liessen die Wirtschaftsleistung in den USA auf 3,5 Prozent klettern – der langjährige Schnitt indes lag mit 2,5 Prozent deutlich darunter.

Bei ihrer Annahme gehen die Pictet-Ökonomen von einem anderen Wirkungsverhältnis von Angebot und Nachfrage aus als Summers. Sie bemängeln an der Idee, dass sie die schwache Nachfrage hauptsächlich für das tiefe Wachstum verantwortlich mache. Auch Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann stützt sich auf die keynesianische Theorie, wonach die Nachfrage das Wachstum befeuere. Doch für die Bank Pictet ist es gerade umgekehrt: In den Industrieländern schaffe das Angebot die Nachfrage.

Impulsegebendes iPhone

Als Beispiel nennen die Experten die Technologie für mobile Kommunikation. Erst die Erfindung von iPhone & Co hätten die Nachfrage nach Smartphones und Apps überhaupt explodieren lassen. So seien bei einer Lancierung eines neuen iPhones von Apple immer wieder kurzlebige Impulse für die Wirtschaft zu beobachten. So schnellen in den USA regelmässig die Umsätze der Einzelhändler für kurze Zeit in die Höhe. Von solch kleinen Innovationsschocks profitierten aber in der Regel nur bestimmte Branchen.  Das Wirtschaftswachstum insgesamt erhält dadurch keinen nachhaltigen Schub.

Erst ein radikaler Innovationsschock könne das Wachstum dauerhaft treiben, so die Vorstellung. Das Silicon Valley könnte dabei als Epizentrum einer solchen Revolution fungieren. Im Technologie-Mekka würden sich Know-how, Kreativität, unternehmerische Energie und Finanzkraft bündeln, so die Experten. Entscheidend sei auch, dass die Unternehmen viel Geld auf der hohen Kante hätten, was nachhaltige Investitionen begünstige. Das sei eine wesentliche Voraussetzung für einen radikalen Innovationsschock.

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