Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Tür für eine Ausweitung ihres ohnehin schon grossangelegten Anleihe-Kaufprogramms weit geöffnet. Auf der Zinssitzung im Dezember werde geprüft, ob die Geldpolitik die Konjunktur ausreichend stimuliere, sagte Notenbank-Chef Mario Draghi am Donnerstag auf Malta. Zuvor hatte die EZB bekanntgegeben, dass sie die Leitzinsen unverändert lässt. «Der EZB-Rat ist gewillt und in der Lage zu handeln, indem er alle Instrumente nutzt.»

Das Programm solle bis September 2016 laufen, notfalls auch länger. Zuletzt waren am Finanzmarkt wegen der niedrigen Inflation Spekulationen aufgekommen, die EZB könne die Massnahmen ausweiten. Der Euro gab nach den Worten Draghis deutlich nach und fiel auf 1,1228 Dollar. Ein Euro kostete noch 1,0860 Franken. Kurz zuvor war die Einheitswährung noch zu 1,0891 Franken gehandelt worden.

Programm läuft «reibungslos»

An den internationalen Börsen sorgte Draghis Auftritt für Hochstimmung: Der deutsche Leitindex Dax übersprang am Nachmittag nach einem zuvor ruhigen Handel die Marke von 10'400 Zählern. In der Spitze legte er um fast 2 Prozent zu und notiert damit so hoch wie seit über sechs Wochen nicht mehr. Der Euro Stoxx 50 legte ebenfalls deutlich zu. Die Schweizer Börse profitierte im Fahrwasser des EZB-Entscheids ebenfalls: Das Plus liegt bis zum Nachmittag bei rund 1,2 Prozent, der SMI stieg auf über 8700 Punkte.

Das Anleihekaufprogramm laufe bislang reibungslos und habe die Kreditbedingungen für Unternehmen und Haushalte verbessert, sagte Draghi. Besorgt zeigte er sich um das Wirtschaftswachstum und um die Inflation. Hier seien die Risiken zuletzt gestiegen.

Die Binnennachfrage werde zwar durch die Geldpolitik und durch die niedrigen Ölpreise gestützt. Aber erhöhte Unsicherheiten in den Schwellenländern, allen voran China, führten zu einer schwächeren Nachfrage aus dem Ausland und belasteten so den Wachstumsausblick für die Eurozone.

Draghi hofft auf steigende Ölpreise

Zudem verwies Draghi auf zögerliche Strukturreformen im Euroraum. Es sei davon auszugehen, dass die Inflation kurzfristig niedrig bleibe, sagte Draghi. Die niedrigen Ölpreise könnten dazu führen, dass die Inflationserwartungen künftig nicht mehr verankert sind. Ein Anstieg der Ölpreise sollte die Teuerung aber künftig wieder anschieben.

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Mit den Wertpapier-Käufen will die EZB die Banken zur Vergabe von mehr Krediten an die Wirtschaft bewegen, was die Konjunktur anschieben und die Inflation anheizen soll. Die Zentralbank hat ihr umstrittenes Programm im März gestartet. Es soll ein Volumen von 1,14 Billionen Euro haben.

(mbü, mit Material von Reuters und AWP)