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Euro-Krise
«SNB kann die Zinsen auf minus 5 Prozent senken»

Willem Buiter: «Die deutsche Regierung blufft.» Keystone

Die aufgeflammte Euro-Krise fordert die SNB, sagt Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup. Handelszeitung.ch sprach mit ihm über neue Risiken – und wie die Citi-Experten den Begriff «Grexit» erfanden.

Von Mathias Ohanian
am 09.01.2015

Auf einmal diskutiert Europa wieder über einen Ausstieg Griechenlands aus der Euro-Zone. Nachdem die Krise der Gemeinschaftswährung lange kaum Thema war, ist das Wort «Grexit» heute in aller Munde. Erfunden haben den Begriff die Ökonomen der Citigroup unter Federführung ihres Chefökonomen Willem Buiter*. Dieser aber gibt sich fair – und bedauert: «Eigentlich hat mein Co-Autor Ebrahim Rahbari den Begriff kreiert – ein Wort für die Wörterbücher.» Handelszeitung.ch sprach mit dem renommierten Wirtschaftsexperten über die neuen Gefahren, die Rolle der Schweiz und die Politik der Nationalbank ( SNB).

Sind Sie überrascht, dass ein Euro-Austritt Griechenlands auf einmal wieder eine reale Gefahr zu sein scheint?
Willem Buiter: Nach der politischen Entscheidung, Griechenland im Euro zu behalten und Mario Draghis Bekenntnis zur Gemeinschaftswährung dachte ich eigentlich, dass ich den Begriff «Grexit» nicht so schnell wieder in den Mund nehmen müsste. Aber es ist klar, dass Griechenlands Schulden nicht tragbar sind und Athen eine erhebliche Umstrukturierung braucht.

Ist ein weiterer Schuldenschnitt denn politisch durchführbar? 
Eine neue griechische Regierung könnte die mit der Troika ausgehandelten Vereinbarungen ablehnen und um jeden Preis einen Schuldenschnitt wollen. Kommt es zu einem einseitigen Schnitt, dürfte es für griechische Banken schwer werden, sich zu refinanzieren. Die Frage würde aufkommen: Warum soll Griechenland überhaupt noch in der Euro-Zone bleiben?

So mancher Politiker in Berlin denkt offenbar, dass ein «Grexit» heute leichter zu stemmen wäre. Die Euro-Zone ist mit dem Rettungsschirm ESM und den stärker kapitalisierten Banken besser für einen Austritt Griechenlands gerüstet als noch vor drei Jahren, so die Argumentation.
Ich denke, das ist ein Bluff. Ein Versuch der deutschen Regierung, die Wahl in Griechenland zu beeinflussen. Es mag richtig sein, dass der Bankensektor heute in besserer Verfassung und die direkte finanzielle Ansteckungsgefahr innerhalb des Bankensektors geringer ist. Aber die Banken sind noch immer nicht ausreichend kapitalisiert und es gibt noch immer eine andere Art der Ansteckungsgefahr.

Dass andere Länder nach einem Griechen-Austritt aus der Euro-Zone gedrängt werden könnten?
Der Euro galt als unwiderruflich. Es könnte zu einem riesigen Chaos kommen, sollte Griechenland die Euro-Zone verlassen. Die Märkte würden anfangen zu fragen, welches Land der nächste Austrittskandidat ist.

Und die Zinsen auf Anleihen von Peripheriestaaten könnten wieder auf Niveaus steigen wie 2011 und 2012?
Ich hoffe, dass dieses Experiment nicht versucht wird, weil es desaströse Auswirkungen haben könnte. Länder wie Portugal, Spanien und Italien könnten wieder vom Markt abgeschnitten werden. Die deutsche Regierung sollte wissen, dass bei einem Griechenland-Austritt die ganze Euro-Zone auf dem Spiel steht. Aber es gibt keinen leichten Ausweg: Wenn Griechenland bekommt, was es will, könnten die politischen Spannungen in einigen Nordländern wie Deutschland und der Niederlande zunehmen.

Drei Tage vor der griechischen Parlamentswahl tagt am 22. Januar die Europäische Zentralbank. Wird Draghi dann ein grosses Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen ankündigen? 
Im Gegensatz zur deutschen Regierung dürfte die EZB die Wahl in Griechenland nicht beeinflussen wollen. Deshalb wird sie sich zurückhalten und nicht viel tun. Obwohl sie Anleihen im grossen Stil aufkaufen sollte. Die EZB hat seit Draghis Bekenntnis zum Euro im Sommer 2012 ihre Bilanz um eine Billion gekürzt statt sie zu erweitern. Das ist eigentlich kriminell. Je eher die EZB Anleihekäufe ankündigt, desto besser. Sie könnte ein ausserordentliches Treffen anberaumen, zum Beispiel direkt nach der Wahl in Griechenland.

Wie Erfolg versprechend wäre ein grosses Anleihekaufprogramm für die Euro-Zone?
Ein gross angelegtes Programm, bei dem Anleihen aller Staaten gekauft werden, würde ein wenig Entlastung bringen. Es braucht aber auch fiskalische Unterstützung in den Peripherieländern – dort, wo die Produktionslücke am grössten ist. Und natürlich braucht es strukturelle Reformen – in Frankreich, Italien und selbst in Deutschland. Denn dort gingen die Reformen in den letzten Jahren in die falsche Richtung.

Aber Berlin stellt sich gegen Konjunkturhilfen.
Deutschland macht rund 30 Prozent der Euro-Zone aus und sollte kein Vetorecht haben – wenngleich Berlin das heute gewissermassen hat. Wenn Deutschland weiter die gleiche geld- und finanzpolitische Politik für die Euro-Zone verfolgt wie bislang, kann die Euro-Zone politisch nicht überleben. Die Lage ist ausserordentlich ernst. Ich war noch nie so besorgt wie heute.

Sie sind noch besorgter als zum Höhepunkt der Euro-Krise?
Ja. Damals war ich um Griechenland besorgt – heute um die ganze Euro-Zone. Ich habe niemals geglaubt, dass die Euro-Zone auseinanderfallen könnte, weil grosse Länder sagen, sie können nicht in dieser geldpolitischen und fiskalischen Zwangsjacke leben. Jetzt denke ich, das ist eindeutig eine Möglichkeit.

Aber die Euro-Zone erholt sich wirtschaftlich, selbst Griechenland. Jetzt unterstützen auch der schwächere Euro und die gesunkenen Ölpreise die Konjunktur.
Diese Faktoren helfen ein wenig. Aber vor der Erholung ist Griechenlands Wirtschaft um ein Viertel geschrumpft. Mit dem aktuellen Erholungstempo dauert es noch zehn Jahre, bis Griechenland das Vorkrisenniveau erreicht hat. Das ist politisch nicht zu verkaufen.

Sie klingen pessimistisch. Was bedeuten diese Gefahren für die Schweiz und die SNB?
Wenn der Euro an Wert verliert, tut es der Franken auch. Und die SNB muss die Mindestgrenze verteidigen und ihre Bilanz erweitern. Aber das ist okay, denn die Schweizer Währung ist noch immer überbewertet.

Aber die SNB-Bilanz ist gemessen an der Wirtschaftsleistung schon heute eine der grössten der Welt. Die warnenden Stimmen werden lauter. Ein SNB-Bilanzvolumen, das etwa das Schweizer Bruttoinlandprodukt übersteigt, kann der Öffentlichkeit immer schwerer verkauft werden.
Diese grossen Zahlen bedeuten nichts. Eine Nationalbank kann mit jeder Bilanzgrösse leben. Die SNB kann ihre Anlagen breit wählen und braucht sie nicht zu monetisieren. Das ist ein profitables Geschäft, die Schweizer haben damit einen grossen Staatsfonds. Eine Alternative wäre, die Nullzinsgrenze zu beseitigen.

Die SNB hat schon im Dezember negative Zinsen eingeführt.
Und sie könnte die Zinsen für Bankdepositen bei der Zentralbank auf minus 5 Prozent senken. Das würde den Franken nach unten drücken. Eine andere Alternative zu einer grösseren Bilanz oder negativen Zinsen wären Kapitalkontrollen. Oder man lässt den Franken einfach durch die Decke gehen – das sind die vier Optionen, die es für die Schweiz gibt.

Und welche davon ist die beste?
Aus ökonomischer Sicht wären das negative Zinsen. Und wenn die nicht ausreichen, sollte die Bilanz erweitert werden.

* Willem Buiter gehört zu den renommiertesten Ökonomen Europas. Der in Den Haag geborene Wirtschaftsprofessor besitzt die britische und die US-Staatsbürgerschaft. Der 65-Jährige studierte unter anderem in Yale, unterrichtete dort, in Princeton und an der London School of Economics. Er war zudem externes Mitglied des geldpolitischen Rates der Bank of England, Chefökonom der europäischen Entwicklungsbank EBRD und beriet unter anderem Goldman Sachs. Seit Anfang 2010 ist er Chefökonom der Citigroup.

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