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Coup
SNB-Kurswechsel: «Die Märkte sind im Panikmodus»

Überraschend hebt die Nationalbank den Mindestkurs auf – und muss kurz danach verhindern, dass der Franken durch die Decke geht. Auf die SNB kommen harte Wochen zu. Auf die Schweizer Wirtschaft auch.

Von Mathias Ohanian
am 15.01.2015

Hat SNB-Präsident Thomas Jordan Angst vor seiner eigenen Courage bekommen? Noch tappen Beobachter über die Beweggründe im Dunkeln, warum die Nationalbank den Mindestkurs aufgehoben hat. Erst zu Wochenbeginn betonte SNB-Vize Jean-Pierre Danthine, der Mindestkurs bleibe der «Eckpfeiler» der Geldpolitik. Warum also haben die Währungshüter nicht einfach eine niedrigere Kursgrenze eingeführt, um den Druck auf den Franken zu lindern?

Derzeit können Beobachter nur muttmassen. Erst gegen 13:30 Uhr will sich SNB-Chef Jordan den Fragen der Medien stellen. Doch möglicherweise hat sich die SNB dem «Marktdruck gebeugt», sagt Manuel Andersch, Ökonom bei der Bayern LB. «Die Argumentation zur Aufhebung klingt etwas vorgeschoben, ich denke der primäre Grund ist, dass die SNB nicht mehr gewillt ist, in grossem Umfang Devisenreserven anzuhäufen», so der Ökonom.

SNB greift ein, um Frankenhoch zu bremsen

Fakt ist: Der drastische Kurswechsel der SNB lässt die Finanzmärkte verrückt spielen. «Die Märkte sind klar im Panikmodus», kommentierte Andreas Ruhlmann von der IG Bank. Ein Euro kostete zwischenzeitlich nur noch 80 Rappen – zuvor lag die Gemeinschaftswährung dank der Mindestgrenze viele Monaten bei 1.20 Franken oder darüber. Inzwischen ist die Parität wieder erreicht. Doch das sind Kurssprünge von rund 20 bis 30 Prozent.

Laut Jennifer McKeown, Ökonomin von der Researchfirma Capital Economics, dürfte die SNB nach Aufhebung des Mindestkurses heute bereits mit Devisentransaktionen verhindert haben, dass der Franken durch die Decke ging. Diese Einschätzung teilt Andreas Koch, Ökonom bei Raiffeisen Schweiz: Die SNB habe eingegriffen, als ein Euro nur noch 85 Rappen kostete, sagte er gegenüber handelszeitung.ch. Aktuell liegt der Kurs knapp über Parität.

«Franken definitiv überbewertet»

Doch was kommt nun auf die Schweiz zu? Expertin McKeown erwartet auch in den kommenden Wochen einen starken Franken gegenüber dem Euro. Wo der Wechselkurs sich einpendelt, hänge sehr stark davon ab, wie massiv die SNB am Devisenmarkt eingreifen werde. «Wo der Kurs gerade pendelt, sehen wir den Franken definitiv überbewertet», so Raiffeisen-Experte Koch.

Der faire Wert liegt laut Koch heute zwischen 1.15 und 1.25 Franken. Tatsächlich argumentierte auch die SNB selbst bis zuletzt, dass der Franken in der Nähe des Mindestkurses noch immer überbewertet sei. Auch der renommierte Citi-Chefökonom Willem Buiter hielt den Franken in einem Interview vor wenigen Tagen für stärker als fundamental gerechtfertigt. 

Glaubwürdigkeit der SNB ist beschädigt

Ökonomin McKeown geht davon aus, dass die SNB in den kommenden Wochen noch öfter intervenieren muss, um den Franken zu schwächen - und die Schweizer Exportwirtschaft zu unterstützen. Womöglich müssen die Währungshüter sogar mehr Geld in die Hand nehmen, weil nun ihre Glaubwürdigkeit beschädigt ist, so die Expertin. Auch Handelszeitung-Chefökonom Armin Müller wähnt in einem Kommentar die Glaubwürdigkeit der SNB in Gefahr.

«Entscheid gefährdet Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft»

So warnte heute denn auch sofort der Schweizer Gewerkschaftsbund. «Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz», kommentierte Daniel Lampart, SGB-Chefökonom.

 

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