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Forschung
SNB-Ökonom widerspricht ökonomischem Mainstream

Wolfgang Schäuble: Der deutsche Finanzminister forderte von Athen hohe Sparanstrengungen. Keystone

Die gängige These zur Wirkung von Staatsschulden auf das Wachstum lautet: Höhere Verbindlichkeiten bremsen das Bruttoinlandprodukt. Ein Ökonom der Nationalbank legt nun eine bemerkenswerte Studie vor.

Veröffentlicht am 10.10.2017

Die gängige These zur Wirkung der Schulden eines Staates auf das wirtschaftliche Wachstum lautet: Eine höhere Staatsverschuldung wirkt sich bremsend auf das langfristige Wirtschaftswachstum aus. Ein Arbeitspapier eines Ökonoms der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zeigt jedoch, dass auch das Gegenteil zutreffen kann.

Mathieu Grobéty hat sich mit seiner Arbeit einer in der Politik sehr häufig zitierten These der ökonomischen Theorie angenommen. Demnach können nur sparsame Staaten wirtschaftlich erfolgreich sein. Insbesondere eine hohe Staatsverschuldung gilt es gemäss den Verfechtern einer Austeritätspolitik unbedingt zu vermeiden.

Mehr Wachstum in Ländern mit hoher Staatsverschuldung

Der SNB-Ökonom kommt aufgrund eines Vergleichs von Staatsverschuldung und Wachstumszahlen von Industriebranchen in 39 Schwellen- und Industrieländern teilweise zu einem gegenteiligen Schluss. So weist Grobéty nach, dass Industrien mit hohem Liquiditätsbedarf – das ist vor allem die Maschinen- und die Textilindustrie – schneller wachsen in Ländern mit höherer Staatsverschuldung.

Die beiden Top-Ökonomen Ken Rogoff und Carmen Reinhart hatten in mehreren Studien den Zusammenhang von Staatsschulden und Wirtschaftswachstum untersucht. Im Jahr 2010 kamen sie zum Schluss, dass bei sehr hohen Verbindlichkeiten das Bruttoinlandprodukt deutlich schwächer zunimmt. Als kritische Marke veranschlagten sie einen Schuldenwert von 90 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Grosse Sparanstrengungen in Europa

Sparbefürworter in Europa wie der langjährige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble verwendeten daraufhin die Studienergebnisse der Ökonomen als argumentative Grundlage, um einschneidende Reformen in Südländern wie Griechenland, Portugal und Spanien durchzusetzen.

Der von Grobéty beschriebene positive Effekt ergibt sich gemäss dem SNB-Ökonom jedoch nur, wenn sich der Staat bei inländischen Gläubigern verschuldet. Eine höhere Verschuldung im Ausland dagegen wirkt sich gemäss der Studie kaum auf das Wachstum aus. Der Autor errechnete dabei, dass eine Erhöhung der inländischen Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung um 10 Prozentpunkte das Wachstum der Industrie um einen Viertel erhöht.

Positiven Effekte vrschwinden bei zu hohen Schulden

Als eine mögliche Erklärung für diesen Effekt verweist der Autor auf andere Forschungsarbeiten. So zeigten verschiedene Studien, dass eine zusätzliche Aufnahme von Kapital durch den Staat es auch Haushalten und Unternehmen erleichtert, selbst Kredit aufzunehmen. Auch diese Resultate stehen im Widerspruch zur gängigen Annahme, dass der Staat als Konkurrent der Haushalte und Unternehmen am Kapitalmarkt auftritt.

Die viel Studie von Grobéty zeigt freilich auch, dass ausufernde Schulden keineswegs positiv sind. So hat auch der SNB-Ökonom einen Schwelle gefunden, ab der die positiven Effekte der Staatsverschuldung verschwinden. Diese Schwelle gibt die Studie mit 43 Prozent der inländischen Staatsverschuldung an. Oberhalb dieser Schwelle reduzierten sich die positiven Effekte deutlich.

(sda/moh)

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