Wie geht’s der Schweiz heute? Eine vermeintlich einfache Frage, auf welche die Industrieländerorganisation OECD nun eine umfassende Antwort gibt: Alles in allem ziemlich gut. Besser zumindest als den meisten anderen entwickelten Ländern rund um den Globus. Die Wirtschaft prosperiert, Herr und Frau Schweizer fühlen sich gesund, die Lebenserwartung ist hoch.

Gleichzeitig jedoch offenbart die heute veröffentlichte Studie «Gesellschaft auf einen Blick» auch soziale Probleme: Die Eidgenossen sind vergleichsweise ängstlich – und intolerant, vor allem gegenüber Ausländern.

Alle zwei Jahre legt die OECD einen umfassenden Überblick zur sozialen und wirtschaftlichen Entwickung in den weltweit 34 Mitgliedsstaaten vor – so etwas wie ein Barometer für die ökonomische Stabilität eines Landes, ein Psychogramm seiner Einwohner. Auf insgesamt 150 Seiten werden Daten aus allen Lebensbereichen ausgewertet.

Schweiz ist obenauf

Das Wichtigste vorneweg: Die globale Finanzkrise hinterliess in der Schweiz kaum Spuren. Verwerfungen wie in vielen Südländern Europas sind nicht zu beobachten. Dort erodiert die soziale Stabilität mit den heftigen Wirtschaftseinbrüchen. Ein Beispiel: Nirgends ist die Angst, nachts allein auf die Strasse zu gehen, nach fünf Jahren Rezession so hoch wie in Griechenland.

Anzeige

Weil die Schweiz die Finanzkrise ohne grosse Blessuren überstand, ist die wirtschaftliche Stabilität hoch. Mit gut vier Prozent Erwerbslosen herrscht hierzulande quasi Vollbeschäftigung. Im Vergleich aller 34 OECD-Länder sind nur in Norwegen und Südkorea sind weniger Menschen ohne Job als in der Schweiz. Entsprechend sind die Sozialausgaben vergleichsweise gering. Die wirtschaftliche Ungleichheit ist zwar höher als in Österreich oder Deutschland, aber immerhin niedriger als im OECD-Schnitt.

Unterm Strich haben Frau und Herr Schweizer damit fast am meisten Geld in der Tasche: Das verfügbare Haushaltseinkommen liegt bei jährlich umgerechnet 31'300 Dollar. Damit verdienen lediglich die Menschen in Luxemburg und Norwegen im Schnitt mehr.

Die Schweiz gehört auch zu den vitalsten Ländern rund um den Globus. Vier von fünf Schweizern geben an, bei guter Gesundheit zu sein. Im Schnitt aller OECD-Länder liegt dieser Wert nur bei 69 Prozent. Die Selbswahrnehmung deckt sich mit den objektiven Zahlen: In keinem anderen Land ist die Lebenserwartung höher als in der Schweiz: Ein im Jahr 2011 oder später geborenens Baby wird im Schnitt 82,8 Jahre alt. Damit werden die Menschen heute fast zehn Jahre älter als noch im Jahr 1970.

Die grössten Entwicklungssprünge machten in den vergangenen 40 Jahren übrigens Korea und die Türkei: Die Lebenserwartung liegt dort heute bei 81,1 beziehungsweise 74,6 Jahren – ein Plus von 19 respektive 20,4 Jahren.

Schweiz: Gesundheitsausgaben global fast am höchsten

Die Schweizer Sonderstellung hat freilich ihren Preis: Im Schnitt sind die Gesundheitsausgaben pro Schweizer mit 5'643 US-Dollar nach den USA und Norwegen weltweit am dritthöchsten. Besonders hoch ist in der Schweiz die Lebenserwartung ab dem Renteneintritt: Frauen können hoffen, noch gut 87 Jahre alt zu werden, für Männer liegt dieser Wert bei 84,2 Jahren. Wie im Schnitt aller OECD-Staaten ist die Lebenserwartung ab Rentenbeginn in der Schweiz für Frauen drei Jahre höher als für Männer.

Wirtschaftlich erfolgreich und gesund: So ist wenig verwunderlich, dass die Lebenszufriedenheit in der Schweiz höher als in jedem anderen von der OECD untersuchten Land ist. Die Schweiz schneidet hier sogar besser ab als die oft ähnlich erfolgreichen Länder im Norden Europas und verweist Norwegen, Island, Schweden und Dänemark auf die Plätze. 

Allerdings scheint der soziale Zusammenhalt in diesen Staaten unterm Strich höher zu sein als die Schweiz. So sieht es zumindest die OECD: Sie hat beobachtet, dass die Akzeptanz von Minderheiten in der Schweiz im Vergleich zur weltweiten Spitzengruppe gering ist. So finden nur drei von vier Schweizern, dass ihr Wohnort Ausländern ein gutes Umfeld zum Leben bietet.

Schweiz nur auf Platz 18

Zum Vergleich: In Kanada, Neuseeland, allen skandinavischen Ländern, aber auch Deutschland ist dieser Wert höher. Insgesamt rangiert die Schweiz hier nur auf Platz 18. Immerhin bessert sich die Lage anscheinend allmählich: Gegenüber der letzten Erhebung gewann die Schweiz leicht hinzu. Das gilt auch für die gefühlte Toleranz gegenüber Homosexuellen. Die Umfrage wurde allerdings noch vor der Zuwanderungsinitiative im Februar durchgeführt.

Um die Sicherheit und den Grad an Kriminalität zu messen, wurde auch untersucht, wie wohl sich die Menschen nachts in ihrem Wohnort fühlen – wenn sie allein auf einer dunklen Strasse spazieren. Hier kam heraus, dass die Schweizer sich zwar sicherer fühlen als Menschen in vielen anderen OECD-Ländern.

Doch vielerorts fühlt man sich wohler, so etwa in den beiden deutschsprachigen Nachbarländern Deutschland und Österreich. Auch in den skandinavischen Ländern, in Kanada oder den Niederlanden ist die gefühlte Sicherheit demnach höher. Die Schweiz rangiert hier auf dem 10. Platz.

Sicherheit: Grosse Verbesserungen vielerorts – nicht in der Schweiz

Auffällig ist: In den zehn sichersten Ländern – abgesehen von Dänemark – wurden in den vergangenen Jahren überall noch einmal deutliche Verbesserungen festgestellt; ausser in der Schweiz, hier ist der Wert mit 80 Prozent nur unmerklich besser als bei der letzten Erhebung.