Sieben Prozent. Das ist die Wachtumszahl, die Premier Li Keqiang für 2015 anvisiert. Die Kette schlechter Nachrichten lässt zweifeln, ob das noch haltbar ist: Der chinesische Aktienmarkt fiel auf den Startpunkt vom Jahresbeginn, Autohersteller registrieren einen Absatzrückgang und auch Geschäftsleute vor Ort berichten von einer schlechteren Auftragslage.

Chinesischen Statistiken kann man chronisch nicht trauen. Das zeigt der Vergleich mit anderen Indikatoren. Der Stromverbrauch stieg im zweiten Quartal, in dem ein Wachstum von 7,5 Prozent ausgewiesen wurde, nur um 1 Prozent. Auch die Zunahme des Güterverkehrs und des Aussenhandels lag unter dem Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP). Für Ökonom Yuan Gangming von der Tsinghua-Universität sind dies klare Anzeichen, dass da und dort neben Fakten auch Wünsche und Vorgaben in das Zahlenwerk einfliessen. Wie viele Prozentpunkte das ausmacht, vermag keiner zu sagen.

Raubbau an Natur und Menschen

Klar ist nur, dass die chinesischen Brötchen kleiner werden. Peking versucht derzeit, mit einer Zinssenkung die Stimmung zu heben. Die Wirkung ist fraglich, haben Unternehmen doch zuletzt immer weniger auf geldpolitische Anreize reagiert. Auch anderswo zeigen sich Systemschwächen – etwa bei der gewaltigen Chemieexplosion in der Hafenstadt Tianjin.

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Die Katastrophe wirkt zwar nur indirekt auf die Konjunktur. Doch sie steht für eines der grossen Probleme des Reichs der Mitte: Veraltete Strukturen und Raubbau an Mensch und Natur bremsen die Wirtschaft langfristig. China hat das erkannt und arbeitet hart daran, eine sauberere und sicherere Wirtschaftsweise einzuführen. Der Feuerball über Tianjin hat gezeigt, dass der Weg noch weit ist. Das Umsteuern ist aber ohne Alternative. Kurzfristig kostet es jedoch Wachstumspunkte.

Umbau zu einer sauberen Wirtschaft

Li Keqiang hat sich dem Rückbau ineffizienter Branchen verschrieben – mit einem Schwenk zu mehr Nachhaltigkeit. Schon vor zwei Jahren hat er seine Landsleute darauf eingeschworen, dass damit die Zeit zweistelligen Wachstums vorbei ist. Jetzt kommt aber alles zusammen. Die grossen Konjunkturprogramme von 2009/10 sind ausgelaufen und haben einen Kater hinterlassen: Millionen ungenutzter Wohnungen in Geisterstädten und einen hohen Schuldenstand der Staatsbetriebe, dem eine steigende Zahl fauler Kredite in den Bankbilanzen gegenübersteht.

Zugleich hat der Umbau zu einer saubererern Wirtschaft Nebenwirkungen. Tausende von Kohlekumpeln haben ihre Jobs verloren. Das lässt sich am besten in den Kohlerevieren des chinesischen Kernlandes beobachten. Die nördlich gelegene Provinz Shanxi hat im Jahr 2014 nur die Hälfte des Wachstums erreicht, das sie sich vorgenommen hat: 4,9 statt 9 Prozent. Die nackte Zahl des Rückgangs sagt wenig über das, was in diesen Regionen tatsächlich passiert. Wang Bai, 40 Jahre alt, weiss es besser - sein eigenes Unternehmen steht vor dem Aus. Er tritt zwar auch heute noch betont selbstbewusst auf, doch im Grunde ist er Pleitier. «Ich habe heute viel Zeit zum Spazieren.»

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90 Prozent Umsatz verloren

Wang war 2009 ins Geschäft mit Kohletransporten eingestiegen. Er hatte keine eigenen Laster angeschafft, sondern die Fahrer und ihre Wagen nach Bedarf angemietet. Als Logistiker war er Mittelsmann zwischen den Kohlegruben und den abnehmenden Kraftwerken. «Dann kam die Energiewende», klagt er. Vor zwei Jahren hatte Wang noch ständig 100 Laster auf der Strasse, heute sind es eher zwei. Leute aus seinem Gewerbe, die vorher 55’000 Franken im Monat einnahmen, kommen derzeit noch auf ein Zehntel davon. «Damals haben wir zu Hause jeden Tag Fleisch gegessen, heute kommt das nur noch selten vor.» Seinen Audi hat er wieder verkauft.

Die Kohlebranche steht nicht alleine da. Die grosse Werft Rongsheng Heavy Industries in der Nähe von Schanghai etwa befindet sich in Abwicklung und hat 10’000 Arbeiter entlassen. Chinas Schiffsbau hatte rund 30 Prozent Überkapazitäten. Diese alten, klassischen Industrien haben viele Menschen in Lohn gehalten und waren gut darin, den entstehenden Wohlstand zu verteilen.
Premier Li will jedoch keine subventionierten Branchen in die Zukunft mitschleppen, die er in seinen Wirtschaftsplänen entwirft.

Wohlstand auf breiter Front

China soll innovativ werden und auf breiter Front zu Wohlstand kommen. Peking treibt die Angst um, dass man sonst den Weg inflexibler kommunistischer Systeme geht. In Lateinamerika ist das Phänomen als «Falle der mittelhohen Volkseinkommen» bekannt. Viele Länder haben es recht schnell auf ein BIP pro Kopf gebracht, das etwa 20 bis 30 Prozent des Wertes der USA entspricht. Sie sind dort aber hängen geblieben. Damit das nicht geschieht, das weiss Li, muss im Land noch fast alles besser werden.

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Die jüngsten Experimente mit dem Aktienmarkt gehören in denselben Zusammenhang. Die Regierung will für ihre runderneuerte Wirtschaft auch einen modernen Finanzmarkt schaffen. Premier Li hatte in der Zeit bis 2014 neue Regulierungen für die Börse einführen lassen, um schwarze Schafe aus dem Markt zu drängen. Im Sommer vergangenen Jahres hat er sich entschlossen, sowohl Investoren als auch Firmen verstärkt an die Börse zu locken. Er hat öffentlich die Vorzüge einer Geldanlage in Aktien gepriesen und damit den Startschuss für eine fantastische Rally gegeben. Zu fantastisch, wie sich nun zeigt.

Noch viele Konjunkturmassnahmen möglich

Angesichts sinkender Firmengewinne und eines schwachen Wachstums haben viele Investoren dem Boom nie getraut und nur auf den Moment gewartet, in dem sie ihre Gewinne ins Trockene bringen können. Als die Kurse ins Rutschen gerieten, haben auch Stützkäufe, die Li anordnete, nichts mehr ausrichten können. Aus dem Traum vom modernen Finanzmarkt ist für ihn vorerst ein Albtraum geworden, ein Sinnbild des gescheiterten Dirigismus.

Trotz alldem sind viele Beobachter verblüffenderweise optimistisch, dass am Jahresende die angepeilten 7 Prozent Wachstum herauskommen. Denn Peking hat weiterhin reichlich Geld. «Die Wirtschaftsplaner haben noch viele Möglichkeiten für Konjunkturmassnahmen«, sagt Ökonom Qu Hongbin von der Grossbank HSBC. Derzeit laufen Ausgabenprojekte an, die vor allem in den Problemregionen Arbeitsplätze schaffen sollen. Der Wert liegt in Franken gerechnet bei einem dreistelligen Milliardenbetrag. Die Schwerpunkte der aktuellen Programme verwundern nicht: Schnelles Internet, sauberes Wasser, alternative Energie, direkte Schnellzüge, Aufwertung der Industrie.

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China hat eben erst angefangen, zu kämpfen

Andere sehen gerade darin ein Problem. Das Wachstum der vergangenen Jahre habe vor allem auf diesen staatlichen Stimuli gefusst. Und dadurch seien die Schulden so schnell angestiegen wie in keinem Land je zuvor, schreibt Analyst Ruchir Sharma von der Investmentbank Morgan Stanley in einem neuen Beitrag.

Ist die China-Story zu Ende? Oder geht sie nun noch besser weiter? Nur eines ist klar: Peking gibt nicht einfach so auf. Als Konkurrent für entwickelte Volkswirtschaften wie die Schweiz oder Deutschland strebt das Land eben erst eine ganz neue Phase an.

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