Die Zürcher Firma Henry ­Michel & Co. erkannte die Zeichen der Zeit. Sie pries am 13. August 1918 mit ­einer Zeitungsanzeige unter dem Titel «Spanische Grippe!» ihren elektrischen Staubsauger Condor an: «Zur Entfernung der Bazillenträger». Mehr noch: In der gleichen Anzeige im «Schaffhauser Intelligenzblatt» der Henry Michel & Co. heisst es: «Lokalvertreter gesucht».

Das Beispiel illustriert, wie schnell sich ein Unternehmen im Einzelfall auf überraschende Entwicklungen einstellen kann. Allfällige Gefahren werden oftmals nicht als Bedrohungen, sondern als Chancen erkannt. Denn die Unternehmen verstehen es, flexibel auf Bedrohungen wie eine Epidemie zu reagieren. Vor allem aber stellt sich in aller Regel ein Nachholeffekt ein, der die erlittenen Verluste kompensiert. Rückschläge lassen sich in einzelnen Branchen wie dem Tourismus allerdings kaum wegstecken: Eine abgesagte Reise ist verpasst, auch wenn später wieder gebucht wird.

Sars kostete 1 Prozent Wachstum

Selbst während einer schwerwiegenden Pandemie wie der Spanischen Grippe mit ihren rund 24'000 Toten in der Schweiz erwiesen sich Unternehmen als flexibel, wie das Staubsauger-Beispiel zeigt. Laut einer Studie der amerikanischen Fisher Investments belegt die Spanische Grippe exemplarisch, dass Epidemien nicht zwangsläufig in eine Krise führen: Der Dow-Jones-Industrial-Index stieg in den Jahren 1918 und 1919 in zweistelliger Höhe» – trotz weltweit rund hundert Millionen Toten, 6 Prozent der damaligen Erdbevölkerung.

Im Gegensatz zu heute mit dem Virus Covid-19 waren damals auch junge Menschen lebensbedrohlich gefährdet: «Wenn die Märkte einen derartigen Einbruch bewältigten, scheint es plausibel, dass sie der gegenwärtigen Krise widerstehen», schreibt Börsenguru Ken Fisher.

«Die Märkte erholten sich schon im Herbst, obwohl die Epidemie noch nicht unter Kontrolle war.»

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Ähnlich haben sich die Aktienkurse während der Sars-Epidemie zu Beginn der Nullerjahre verhalten. Der Index der US-Grosskonzerne, der S&P 500, erlitt zwar vom November 2002 bis im folgenden März einen Rückschlag von 14,2 Prozent. Er profitierte indes von einer Erholung von 28,7 Prozent im folgenden Jahr, obgleich damals der Zweite Irakkrieg losging. Mehr als 8000 Menschen in 37 Ländern erkrankten an Sars; insgesamt starben indes nur etwa 750 Menschen an dem Erreger. Sars soll die Weltwirtschaft je nach Schätzung 1 bis 1,4 Prozent weniger Wachstum gekostet haben, vor allem wegen der massiven Einschränkungen im interna­tionalen Flugverkehr.

Wie kurzlebig die wirtschaftlichen Auswirkungen von Pandemien sind, illustriert die menschliche Vergesslichkeit. So suchte in den Jahren 1957/1958 die Vogelgrippe die Menschheit heim – mit mehr als ­einer Millionen Toten. Allein 116'000 Opfer verzeichneten die USA. Die Börse lahmte bereits im Februar 1957, nachdem der ägyptische Präsident Abdel Nasser die Kolonialmächte Grossbritannien und Frankreich in der Suezkrise herausgefordert hatte. Die Schwäche hielt den ganzen Sommer hindurch an. Aber die Märkte erholten sich im folgenden Herbst, als die Epidemie noch nicht unter Kontrolle war.

1968: fast 34'000 amerikanische Opfer

Ein ähnliches Szenario spielte sich eine Dekade später ab, als die Kurse im Zuge der Hongkong-Grippe nach einer zehnjährigen Hausse einbrachen und erst Mitte 1970 wieder anzogen. Ende Juli 1968 erreichte das Virus Staaten wie Vietnam oder Singapur und verbreitete sich in den folgenden zwei Monaten weiter nach Indien sowie nach Europa. US-amerikanische Truppen brachten es zudem aus dem Indochina-­Konflikt nach Kalifornien, fast 34'000 amerikanische Opfer wurden gezählt.

Legendäre Pandemien

► Pest: Ein Drittel der europäischen Bevölkerung stirbt in den Jahren zwischen 1346 und 1353, das sind rund 25 Millionen Menschen. Heute lässt sich die hoch ansteckende Pest mit Antibiotika behandeln.

► Spanische Grippe: Zwischen 1918 und 1920 sterben rund 50 Millionen Menschen weltweit an der Influenza-Pandemie.

► Cholera: Weltweit sterben mehrere Millionen Menschen an der bislang letzten Cholera-Pandemie, sie begann 1961. Die bakterielle Infektionskrankheit wird durch das Bakterium Vibrio cholerae verursacht.

► HIV: Seit 1980 infizieren sich Menschen mit HIV, bislang sind 36 Millionen Menschen am Virus gestorben. Mittlerweile kann man Aids mit antiviralen Medikamenten behandeln, aber es gibt noch keinen Impfstoff, der vollständig schützt.

► Sars: Die Atemwegserkrankung, die durch einen Coronavirus hervorgerufen wird, ist die erste Pandemie, die im 21. Jahrhundert auftritt. Zwischen 2002 und 2003 sterben weltweit rund 1000 Menschen.

► Schweinegrippe: Das Virus verbreitet sich 2009/2010 rasant rund um den Globus. Weltweit sterben 18'000 Menschen, die meisten bleiben ohne Symptome.

Mitunter erscheinen die Massnahmen der Behörden wirtschaftlich folgenschwerer als die Erkrankungen selbst; vergleichbar mit den Nebeneffekten ­eines vom Arzt verschriebenen Medikaments, das dem Patienten mehr schadet als nützt.

Darauf deutet eine Sammelband hin, die von den Ökonomen Beatrice Weder di Mauro und Richard Baldwin vom Centre for Economic Policy Research soeben ­herausgegeben wurde. Mit Blick auf die Ereignisse 1970 heisst es dazu: «Verfügungen von Regierungen zeitigen die schlimmeren Verwerfungen als das Virus selbst.»

Der Ölschock der 1970er verstärkte ­neben der Grippewelle den Handlungsdruck auf die westlichen Regierungen: «Sie resultierten in nicht angemessenen makroökomischen Entscheiden wie dem Anheizen der Inflation.» Oder dann wurden Investitionen ausgelöst, die wenig zielgerichtet sind und erst noch viel zu spät wirkten.

All diese Fälle haben eine Gemeinsamkeit: Mit einem zeitlichen Abstand von mehreren Dutzend Jahren sind die Entwicklungen im Einzelnen erklärbar. Für die damals betroffenen Menschen waren sie jedoch nicht überblickbar. Denn unterschwellig rechnen die Betroffenen stets mit dem legendären Flügelschlag des Schmetterlings, der eine Katastrophe auslöst: «So ist es naheliegend, dass die Anzahl der neuen Covid-19-Fälle aufgrund der bisherigen Erkrankungen falsch geschätzt wird. Das kann zu gravierenden Fehlentscheidungen führen», heisst es in der Studie des Centre for Economic Policy Research.

«Die Vergangenheit scheint zu lehren, dass Behörden Epidemien in einer ersten Phase unterschätzen und in einer zweiten überschätzen.»

Die Vergangenheit scheint zu lehren, dass Behörden Epidemien in einer ersten Phase unterschätzen und in einer zweiten überschätzen. Ein typisches Beispiel dafür war die Schweinegrippe 2009/2010. Die WHO warnte im Frühjahr 2009 vor einer Pandemie, stufte die Bedrohung jedoch kurze Zeit später zurück. Aber der Schaden war angerichtet. Er resultierte in einem allgemeinen Impfchaos: Mit 13 Millionen Impfdosen im Wert von 84 Millionen Franken sollten 80 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz zweimal geimpft werden, obgleich eine Dosis als Schutz gereicht hätte. Zusätzlich breitete sich die Schweinegrippe nicht im erwarteten Mass aus und die Impfbereitschaft war weit geringer als angenommen. Die überflüssigen Dosen wurden ins Ausland verschenkt oder zerstört.

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Gutes Geschäft

Die damalige Furcht war auf die Erinnerung an die Spanische Grippe mit einem ähnlichen Erreger zurückzuführen. Immerhin erwies sich die Schweinegrippe als ein gutes Geschäft für die Pharmabranche; besonders die Basler Novartis profitierte auf Kosten der Steuerzahler. Nicht nur die Behörden schätzten die Lage falsch ein, wie die ­zitierte Studie festhält: «Konsumenten und Unternehmen stellten Kaufentscheide und Investitionen zurück.» Damals wie heute kann sich dieses Phänomen als wirtschaftlich fatal erweisen, wenn die Medien über solche Entwicklungen berichten und damit Nachahmeffekte auslösen.

So gesehen reagierte der Zürcher Staubsauger-Anbieter vor mehr als hundert Jahren souveräner. Auch wenn er glaubte, Bakterien hätten die Spanische Grippe übertragen, weil die Wissenschaft damals Viren noch nicht entdeckt hatte.