Gestern Abend überraschte der amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke die Märkte: Er kündigte an, die Fed werde weiterhin im grossen Stil amerikanische Staatsanleihen kaufen und damit die Zinsen tief halten. Auch wenn die US-Notenbank jenseits des Atlantiks liegt, haben die Äusserungen von Bernanke Auswirkungen auf die Schweizer. Handelszeitung.ch konfrontierte Experten mit den drei wichtigsten Fragen zum Thema:

  • Was passiert mit den Hypothekarzinsen in der Schweiz?

In Kürze: Vorläufig gar nichts. Sowieso war nie geplant, die Anleihekäufe vollständig einzustellen. «Nun, da Bernanke zuwartet, wird sich auch bei den Hypothekarzinsen in der Schweiz zunächst nichts ändern», sagt Manfred Gärtner, Professor an der Universität St. Gallen. Auch die UBS glaubt kurzfristig nicht an steigende Zinsen. Daniel Kalt, Chefökonom der Grossbank in der Schweiz, rechnet nicht vor 2016 mit einer Veränderung. «Ausser die SNB tanzt komplett aus der Reihe und erhöht ihren Leitzins.» Das tat die Nationalbank heute aber nicht - sie liess ihn unverändert.

Nicht ganz gleicher Meinung ist Martin Neff von Raiffeisen. «In den nächsten drei Monaten wird das Zinsniveau noch unverändert bleiben. Schon in einem Jahr ist jedoch mit einem Anstieg der Hypothekarzinsen um 0,5 bis 0,7 Prozent zu rechnen.» Die Implikation ist für Neff klar: «Wer ein gutes Objekt im Auge hat, sollte kaufen.» Allerdings müsse man sich dafür sicher sein: Sobald die Zinsen steigen, werden die Preise von weniger attraktiven Objekten sinken - vielleicht kann dann der ein oder andere Hauskäufer ein Schnäppchen machen.

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Unabhängig davon wie schnell die Zinsen hier steigen, werde die Reaktionen in der Schweiz weniger stark ausfallen als in den USA. Das Tapering - die Verlangsamung der Anleihekäufe - finde spezifisch in den USA statt, erklärt Ralf Wiedenmann, Leiter der Wirtschaftsforschung bei der Bank Vontobel. «Die Auswirkungen auf die Schweiz sind dementsprechend gedämpft. Selbst wenn die US-Zinsen wieder steigen, wird sich dieser Effekt nicht unmittelbar auf die Schweiz übertragen.»

  • Was passiert mit meinen Ersparnissen?

Immer wieder wird im Zusammenhang mit der expansiven Politik der Notenbanken vor Inflation gewarnt. Tatsächlich besteht diese Gefahr: «Die extrem hohe Liquidität in den Märkten kann zu hoher Inflation führen, wenn das Wirtschaftswachstum plötzlich wieder anzieht», sagt Makroökonom Gärtner. Allerdings habe er volles Vertrauen in die Schweizerische Nationalbank. Die SNB habe die Märkte unter ständiger Beobachtung und könnte gegebenenfalls reagieren.

Für die Reaktion bliebe auch genug Zeit: «Inflation steigt nur bei externen Preisschocks schnell an», beruhigt Ralf Wiedenmann. Zudem drücke die hohe Arbeitslosigkeit in den USA und insbesondere in der Euro-Zone auf die Löhne, so Wiedenmann weiter. Das verhindere zumindest in diesen Ländern eine hohe Inflation. Auch in der Schweiz sieht er mittelfristig keinen steilen Lohnanstieg. Somit bleiben die Preise weiter stabil.

Die tiefen Zinsen machen Sparen allerdings unattraktiv. «Nicht nur den Pensionskassen macht dieses Umfeld zu schaffen», bestätigt Daniel Kalt von der UBS. «Auch private Anleger müssen mehr Risiko eingehen, wenn sie Rendite erzielen wollen. In den letzten Jahren hat sich ein Umschichten der Portfolios von Staats- zu Unternehmensanleihen bewährt - auch solchen mit relativ hohem Risiko.»

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Auch Aktien seien nach wie vor interessant für Anleger, sind sich die Bankökonomen einig. Zwar seien die Unternehmen nicht mehr direkt unterbewertet - allerdings stehen die Zeichen global auf Wachstum. «Das dürfte die Aktienmärkte zumindest noch bis Weihnachten stützen», prophezeit Wiedemann.

  • Was passiert mit dem Frankenkurs?

Nicht nur um ihre Hypothek müssen sich die Schweizer keine Sorgen machen. Auch der samstägliche Shopping-Trip nach Konstanz dürfte sich weiter lohnen. «Nur der Stau bleibt ein Ärgernis», lacht Wiedenmann. Kurzfristig wird sich am Euro-Franken-Kurs nicht viel ändern. Die Nationalbank hat erst heute erneut ihr Festhalten an der Euro-Untergrenze bestätigt. Mittel- bis langfristig dürfte sich der Kurs etwas nach oben korrigieren, sodass die Kaufkraft des Frankens im In- und Ausland sich wieder annähert, meint Manfred Gärtner. «Wer eine kurzfristige Prognose wagt, lehnt sich sehr weit aus dem Fenster», meint der Professor dazu.

Wichtiger noch als der sinkende Franken, ist jedoch die Inflation in der Eurozone. Dadurch nähere sich der «faire» Wechselkurs immer mehr dem tatsächlichen Wechselkurs an, erklärt UBS-Volkswirt Kalt. Damit werde der Nutzen der Wechselkurspolitik immer kleiner - bis die Schweizer Exportwirtschaft wieder vollständig dem Markt ausgesetzt ist. Mit dem sinkenden Nutzen werde - eine Erholung in Europa vorausgesetzt - auch ein Ausstieg der Nationalbank aus der Politik einer strikten Franken-Untergrenze wahrscheinlicher. «Das wäre wünschenswert», findet Neff von Raiffeisen.