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«Starker Franken wird immer ein Damoklesschwert sein»

Der EU-Austritt der Briten ist ein Schock. Adrien Pichoud, Chefökonom von SYZ Asset Management, über die Zukunft Europas, die grösste Gefahr für den Kontinent und die Auswirkungen auf die Schweiz.

Von Mathias Ohanian
am 24.06.2016

Das Brexit-Votum ist ein Schock. Wie bewerten Sie die politischen Auswirkungen des Referendums?
Adrien Pichoud*: Das Ergebnis dürfte ein Meilenstein in der europäischen Nachkriegsgeschichte sein. Die Wichtigkeit für den Kontinent ist potenziell viel höher einzustufen als die Griechenland-Krise, die Europas Politik seit fünf Jahren in Atem hält. Denn der Entscheid des britischen Volkes könnte der Anfang eines graduellen Auflösungsprozess der Europäischen Union bedeuten. Das ist die grösste Gefahr.

Europa könnte ein ganz neues Gesicht bekommen?
In allen der fünf grössten europäischen Volkswirtschaften wird es in den kommenden sechs bis 18 Monaten Wahlen geben. Und bei jeder Wahl werden die anti-europäischen Parteien die Chance haben, ihre Position zu stärken und ihren Einfluss zu steigern. Der Front National in Frankreich feiert bereits das Brexit-Ergebnis. Das wird viel Unsicherheit schüren - und Unsicherheit ist Gift für die Finanzmärkte: Die Volatilität dürfte zunehmen. Ein Problem ist das auch für die Realwirtschaft: Firmen müssen entscheiden, ob sie Investitionen tätigen oder nicht. In einem Umfeld der Unsicherheit ist man vorsichtiger.

Sie sprechen die ökonomischen Auswirkungen an. Was droht Grossbritannien und Europa?
Das Ergebnis ist eine grosse Überraschung angesichts des Erholung der Aktienmärkte in den vergangenen Tagen: Die Finanzinvestoren haben auf den EU-Verbleib der Briten gesetzt. Für das Königreich sind die unmittelbaren wirtschaftlichen Auswirkungen schwerwiegend: Die britische Wirtschaft wird in der zweiten Hälfte 2016 voraussichtlich in eine Rezession rutschen. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft von Kontinentaleuropa und die Weltkonjunktur sind kurzfristig indes nicht so gross. Aber wie angesprochen: jetzt ist die Box der Pandora geöffnet: Die Möglichkeit eines EU-Austritts ist nun möglich - und das ist gefährlich.

Was ist für die Schweizer Wirtschaft zu erwarten?
Die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und Grossbritannien sind relativ schwach ausgeprägt - von dieser Seite sind die Effekte nicht gross. Der viel wichtigere Kanal, über den das Votum die Schweiz erreicht, ist der Wechselkurs und eine Aufwertung des Frankens. Das ist nicht nur ein unmittelbares Problem, sondern kann sich über mehrere Jahre hinziehen. Den ersten «Test» gibt es bereits an diesem Wochenende mit den Wahlen in Spanien: Kommt die Linkspartei Podemos auf deutlich mehr Stimmen als es die Umfragen prognostizieren und profitiert sie dabei mutmasslich von dem britischen Referendum, könnte das unmittelbar einen stärkeren Franken nach sich ziehen. Angesichts der vielen anstehenden Wahlen in Europa wird eine mögliche Aufwertung des Frankens immer ein Damoklesschwert für die Nationalbank und die Wirtschaft als Ganzes bedeuten.

* Adrien Pichoud ist Chefökonom von SYZ Asset Management und arbeitet für das Unternehmen seit 2010. Zuvor arbeitete er sieben Jahre für einen Broker in Paris. Er hat Finanzen und Ökonomie in Grenoble und Sussex studiert.

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