Man hat uns erzählt, dass dies eine Finanzkrise sei, also haben sich die Regierungen auf beiden Seiten des Atlantiks auf die Banken konzentriert. Man hat uns Konjunkturprogramme als vorübergehendes Schmerzmittel verkauft, das erforderlich sei, um die Lücke zu überbrücken, bis sich der Privatsektor erholt und die private Kreditvergabe wieder einsetzt. Doch während die Banken inzwischen wieder rentabel sind und erneut fette Boni zahlen, hat sich die Kreditlage nicht erholt, trotz langfristigen und kurzfristigen Zinsen, die auf ihren Tiefstständen verharren.

Die Banken behaupten, dass die Kreditvergabe aufgrund des Mangels an kreditfähigen Darlehensnehmern beschränkt bleibe, was an der kranken Wirtschaft läge. Wichtige Daten deuten darauf hin, dass dies zumindest teilweise stimmt. Schliesslich sitzen die Grossunternehmen auf Billionen an Bargeld; also ist es nicht der Geldmangel, der sie von Investitionen und Einstellungen abhält. Einige – vielleicht sogar viele – Kleinunternehmen freilich sind in einer ganz anderen Lage: Ohne Finanzmittel können sie nicht wachsen, und viele sind sogar gezwungen zu schrumpfen.

Die Konjunktur war bereitsvor der Krise krank

Trotzdem sind die Unternehmensinvestitionen insgesamt – lässt man den Bausektor einmal beiseite – inzwischen wieder auf 10 Prozent des BIP gestiegen (gegenüber 10,6 Prozent vor der Krise). Angesichts der grossen Überkapazitäten bei den Immobilien wird das Vertrauen sein Vorkrisenniveau nicht so bald wieder erreichen – egal, was man auf dem Bankensektor tut. Die unverzeihliche Verantwortungslosigkeit des Finanzsektors, der man durch rücksichtslose Deregulierung freien Lauf liess, war offensichtlich der auslösende Faktor der Krise. Das Erbe der Überkapazitäten bei den Immobilien und der überschuldeten Haushalte macht die Erholung umso schwieriger.

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Aber die Konjunktur war bereits vor der Krise schwer krank. Die Blase auf dem Häusermarkt hat ihre Schwächen nur übertüncht. Ohne den durch die Blase gestützten Konsum hätte es einen massiven Ausfall bei der Gesamtnachfrage gegeben. Stattdessen fiel die persönliche Sparquote auf 1 Prozent, und die untersten 80 Prozent der Amerikaner gaben jedes Jahr rund 110 Prozent ihres Einkommens aus. Selbst wenn der Finanzsektor vollständig wiederhergestellt wäre, und selbst wenn diese verschwenderischen Amerikaner die Lehre über die Wichtigkeit des Sparens nicht gelernt hätten, wäre ihr Konsum nun auf 100 Prozent ihres Einkommens beschränkt. Wer also davon spricht, dass der Konsum «wiederkommt» – selbst nach der Entschuldung –, lebt in einer Traumwelt.

Den Finanzsektor wieder auf die Beine zu bringen, war für eine wirtschaftliche Erholung notwendig, aber alles andere als hinreichend. Um zu verstehen, was zu tun ist, müssen wir uns die wirtschaftlichen Probleme bewusst machen, die vor dem Ausbruch der Krise bestanden. Zunächst einmal waren Amerika und die Welt Opfer ihres eigenen Erfolges. Die Produktivität wuchs schneller als die Nachfrage, was bedeutete, dass die Beschäftigung in der produzierenden Industrie zurückging. Die Arbeitskräfte mussten auf den Dienstleistungssektor ausweichen.

Das Problem ist analog zu jenem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das schnelle Produk­tionswachstum in der Landwirtschaft die Arbeiter aus den ländlichen Gebieten in die städtischen Fertigungszentren zwang. Angesichts des Rückgangs der landwirtschaftlichen Einkommen um über 50 Prozent zwischen 1929 und 1932 hätte man massive Bevölkerungsbewegungen erwarten können. Doch die Arbeiter waren im ländlichen Sektor «gefangen»: Es fehlten ihnen die Ressourcen, um wegzugehen. Ihre schrumpfenden Einkommen schwäch­ten die Gesamtnachfrage derart, dass die Arbeitslosigkeit in den Städten und im produzierenden Gewerbe steil in die Höhe schoss.

Für Amerika und Europa wird die Notwendigkeit, dass die Arbeit sich aus der produzierenden Industrie weg verlagert, durch sich verlagernde Wettbewerbsvorteile verschlimmert: Nicht nur ist die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie weltweit beschränkt, sondern der lokale Anteil dieser Arbeitsplätze verkleinert sich.

Die Globalisierung ist einer, aber eben nur einer der Faktoren, die zu dem zweiten Schlüsselproblem beitragen – der wachsenden Ungleichheit. Das abschliessende Problem, das zur Schwäche bei der globalen Gesamtnachfrage beitrug, war die enorme Anhäufung von Devisenreserven durch die Schwellenmärkte – teilweise motiviert durch das Missmanagement der Ostasienkrise in den Jahren 1997/98 vom Internationalen Währungsfonds und vom US-Finanzministerium. Diese Länder erkannten, dass sie ohne Reserven Gefahr liefen, ihre wirtschaftliche Souveränität zu verlieren. Viele sagten sich: «Nie wieder.» Doch während diese Anhäufung von Reserven – gegenwärtig sind es in den Schwellen- und Entwicklungsländern etwa 7,6 Billionen Dollar – sie schützte, wurde das Geld nicht ausgegeben.

Wo stehen wir heute bei der Bekämpfung dieser grundlegenden Probleme? Um mit dem zuletzt genannten zu beginnen: Diejenigen Länder, die grosse Reserven anhäuften, waren besser imstande, die Wirtschaftskrise zu bewältigen. Daher ist der Anreiz zur Anhäufung von Reserven jetzt sogar noch stärker.

Die zentrale Rolle der staatlichfinanzierten Ausbildung

In ähnlicher Weise haben zwar die Banker ihre Boni zurückerhalten, aber die normalen Arbeitnehmer müssen mit ansehen, wie sich ihre Löhne und Arbeitsstunden verringern, was die Kluft bei den Einkommen weiter verbreitert. Zudem haben die USA ihre Abhängigkeit vom Öl nicht abgeschüttelt. Angesichts der Tatsache, dass die Ölpreise in diesem Sommer bei über 100 Dollar pro Fass lagen – und immer noch hoch sind –, wird das Geld einmal mehr in die Öl exportierenden Länder transferiert. Und der Strukturwandel der hoch entwickelten Volkswirtschaften, der durch die Notwendigkeit impliziert wird, Arbeitskräfte aus den traditionellen Fertigungsbranchen hinaus zu verschieben, verläuft sehr langsam.

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Der Staat spielt eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der Dienstleistungen, die die Menschen wollen, wie Bildung oder Gesundheitsversorgung. Insbesondere staatlich finanzierte Aus- und Weiterbildung werden eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Wettbewerbsfähigkeit in Europa und den USA wiederherzustellen. Beide jedoch haben sich für eine Sparpolitik entschieden, was so gut wie sicherstellt, dass der wirtschaftliche Wandel langsam ablaufen wird.

Das Rezept für das, worunter die Weltwirtschaft leidet, folgt unmittelbar aus der Diagnose: Hohe Staatsausgaben, die darauf abzielen, die Umstrukturierung zu erleichtern, Energiesparen zu fördern und die Ungleichheit zu verringern, sowie eine Reform des globalen Finanzsystems, die eine Alternative zur Anhäufung von Reserven schafft. Irgendwann werden die politischen Führer weltweit – und ihre Wähler – dies erkennen. Angesichts sich weiter abschwächender Wachstumsaussichten werden sie nicht anders können. Aber wie viel Leid werden wir bis dahin noch ertragen müssen?

 

* Joseph E. Stiglitz ist Professor an der Columbia University, Nobelpreisträger für Ökonomie © Project Syndicate, 2011