Nach Ansicht des Schweizer Ökonomen Thomas Straubhaar hat die Europäische Zentralbank mit dem Strafzins für Banken «das Elixier des kapitalistischen Systems trocken gelegt». Das schreibt der Direktor des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI in einer Kolumne in der deutschen Zeitung «Die Welt». Was seine Gegner nicht geschafft hätten, habe nun die EZB erreicht: «Der Kapitalismus ist am Ende.»

Mit ihrer Politik hätten die Währungshüter das Kreditwesen praktisch verstaatlicht. Kreditmarkt und Geldversorgung – also Kern und Wesen des Kapitalismus – würden ausser Kraft gesetzt.

Am vergangenen Donnerstag setzten die Euro-Zentralbanker die Rate für Bankeinlagen bei der EZB erstmals in der Geschichte des Euro mit 0,1 Prozent in den negativen Bereich. Damit will Notenbank-Direktor Mario Draghi die Kreditvergabe an die Realwirtschaft ankurbeln und die Deflationsgefahr – vor allem in Südeuropa – bannen.

«Ein positiver Zins ist das Herz des Kapitalismus»

Nach Ansicht von Straubhaar schlug die EZB damit jedoch offenbar einen gefährlichen Weg ein: «Ein positiver Zins ist – neben dem Geld an sich – das Herz des Kapitalismus, das Wachstum und Fortschritt antreibt», schreibt er. Erst ein positiver Zins sorge dafür, dass zwei Geschäftspartner sich einig werden könnten: «Der eine hat Geld, aber keine neuen Ideen. Die hat der andere, dem aber das Geld fehlt, etwas Neues anzustossen.» Entsprechend motiviere der positive Zins Menschen dazu, heute zu verzichten, um morgen mehr zu erhalten.

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Und mehr noch: Ein negativer Zinssatz bedeutet laut Straubhaar dass die Wirtschaft nicht wachsen, sondern schrumpfen wird. Er reflektiere die Erwartung, dass den Menschen die Ideen ausgehen, um mit weniger Aufwand mehr Ertrag zu erwirtschaften. «Wahrlich keine optimistische Zukunftsperspektive, sondern eine Kapitulationserklärung und eine Absage an die Innovationskraft der Menschheit.»

«Negative Zinsen provozieren eine Verschuldungsmentalität»

Negative Zinsen provozierten eine Verschuldungsmentalität, die zu wenig rentablen Rationalisierungsinvestitionen und damit zu einer Kapitalverschwendung führten, schreibt Straubhaar. Unterm Strich, so der Ökonom, werde das gehortete Bargeld dem Wirtschaftskreislauf entzogen – was die Konjunktur schwäche. Um das Horten von Bargeld zu verhindern, müsse der Staat – als weiteren Schritt einer Interventionsspirale – die zeitliche Gültigkeit von Geldscheinen beschränken.

In der Konsequenz werde so die Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel zerstört, glaubt Straubhaar. «Auch das würde das Ende eines kapitalistischen Wirtschaftssystems bedeuten.» Entsprechend löse sich die Aktienkursentwicklung «völlig» von den Veränderungen der realen Wirtschaft. «Was auf den Finanzmärkten läuft, hat nichts mehr mit dem Alltag der Güter- und Arbeitsmärkte zu tun.»

Erbe eines fehlgeleiteten Kasino-Kapitalismus

Tatsächlich jedoch scheint Straubhaar der EZB keineswegs die alleinige Schuld zuschieben zu wollen. Immerhin, so schreibt er, könne eine durch die EZB gelenkte Staatswirtschaft erfolgreich sein – und das auch bleiben. «Vielleicht ist sie in schwierigen und unsicheren Zeiten, in denen es das Erbe eines fehlgeleiteten Kasino-Kapitalismus aufzuarbeiten gilt, sogar die einzige wirklich vernünftige Lösung», schliesst er.

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(moh/chb)