Das Verhältnis von Staatsschulden zu Bruttoinlandprodukt (BIP) stieg in der Euro-Zone von 87,3 Prozent Ende 2011 auf 90,6 Prozent Ende 2012, wie die europäische Statistikbehörde Eurostat am Montag meldete. Eine Woche früher wäre das über alle Kanäle verbreitet worden. Jetzt ist es keine Meldung mehr wert. Denn in der Zwischenzeit haben drei US-Ökonomen eine Studie von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff aus dem Jahre 2010 überprüft und dabei Fehler festgestellt. Die Aussage der Studie, dass ab einer Schwelle von 90 Prozent des BIP das Wachstum deutlich zurückgehe, sei unhaltbar.

Der Fall der grossen Ökonomen bietet Gelegenheit, das Versagen der Ökonomen im Allgemeinen und die verfehlte Sparpolitik im Konkreten zu beklagen. Doch das Kind droht dabei mit dem Bade ausgeschüttet zu werden.

Politiker bedienen sich im wissenschaftlichen Arsenal

Die 90-Prozent-Grenze war von Beginn an umstritten. Reinhart und Rogoff verkauften sie auch nicht als magische Schwelle. In ihrem Buch «Dieses Mal ist alles anders – Acht -Jahrhunderte Finanzkrisen» kommt sie nicht vor. Aber an einem Zusammenhang zwischen Schuldenquoten und Wachstumsraten rütteln die Studienkritiker nicht. Korrelation bedeutet jedoch nicht Kausalität. Es spricht vieles dafür, dass die Wirkung in die andere Richtung geht: Schwaches Wachstum treibt das Schulden-machen an.

Die Sparpolitik in Griechenland oder Spa-nien haben aber nicht Reinhart und Rogoff ausgelöst – sondern Politiker in Deutschland und anderen Kernländern der Euro-Zone, die ihren Wählern erklären mussten, warum sie für Schulden der Südländer zahlen sollten. Die Euro-Länder haben sich in einer Währung verschuldet, die sie nicht selber drucken können. Staatspleiten sind deshalb eine reelle Gefahr.

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Wissenschaftliche Arbeiten verantwortlich zu machen für politische Entscheidungen, stellt die Realität auf den Kopf. Politiker entscheiden nach ihren Präferenzen, nicht nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sonst gäbe es keinen Agrarprotektionismus, kaum Subventionen oder Preiskontrollen, kein Ethanol als Treibstoff, kein kompliziertes Steuerrecht und wohl auch keinen Euro. Politiker bedienen sich bei Bedarf im wissenschaftlichen Arsenal mit der Munition, von der sie sich die grösste Durchschlagskraft versprechen. Und wenn sie nichts finden, bestellen sie ein Gutachten.

Experten konnten das 4:0 der Bayern nicht vorhersagen

Wie vermeiden wir Krisen? Wie senken wir die Arbeitslosigkeit? Wann kommt der Aufschwung oder die Rezession? Die Politik sucht darauf einfache Antworten. Aber die gibt es selten. Die Ansprüche an die Ökonomie sind oft zu hoch für eine Disziplin, die mit der Kom-plexität des menschlichen Verhaltens arbeiten muss. Mit Staaten, Industrien und Märkten kann man nicht experimentieren. Daten finden Ökonomen nur aus der Geschichte. Das schränkt die Prognosefähigkeit stark ein.

Friedrich Hayek verglich Ökonomie mit Fussball. Die besten Experten konnten das 4:0 der Bayern gegen Barcelona nicht voraussagen, wohl aber einen wahrscheinlichen Kantersieg von Messi & Co gegen den FC Schaffhausen. So  können Ökonomen bei einer Erhöhung der Staatsausgaben nur sagen: Es kommt drauf an. Aber sie können nachweisen, dass eine hohe Schuldenquote in einer mangelhaften Währungsunion Staatspleiten wahrscheinlicher macht, wer die Gewinner und Verlierer von Protektionismus, Preiskontrollen oder hohen Mindestlöhnen sind.

Das verpflichtet zur Bescheidenheit. Reinhart und Rogoff haben getan, was Ökonomen unter diesen Umständen anbieten können: Die Geschichte untersuchen, Daten sammeln und verarbeiten, informieren und Interpretationsmöglichkeiten anbieten. Ob es dafür eine politische Nachfrage gibt, bestimmen nicht sie. 

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