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Zukunft
Tech-Pessimist Gordon: «Da kommt nichts Neues»

Bauroboter «In situ Fabricator» der ETH Zürich: Die Digitalisierung hält Einzug am Bau. Keystone

Produktivitätsforscher Robert Gordon prophezeit eine Welt ohne Fortschritt. Die letzten Revolutionen sieht der Tech-Pessimist in Elektrizität und Motoren.

Von Mathias Ohanian
am 27.07.2017

Die Baustelle der Zukunft kommt womöglich fast ohne Menschen aus. Zumindest körperlich harte Arbeiten sollen in ein paar Jahren schon Maschinen erledigen. Einen Vorgeschmack lieferten kürzlich Forscher der ETH Zürich. Sie stellten einen Roboter vor, der selbstständig tragende Betonwände hochziehen kann. So soll das erste Haus der Welt entstehen, das nicht nur komplett digital entworfen und geplant, sondern auch weitgehend digital gebaut wird. Die Vorzüge bestechen. Der Bauroboter arbeitet schneller und günstiger als Menschen, im Einsatz ist er flexibel: Selbst doppelt geschwungene Mauern sind kein Problem.

Zwar dürfte es bis zum Durchbruch zur Serienreife noch dauern, die Marschroute indes scheint klar: Die Digitalisierung hält auch in Bereichen Einzug, in denen Computer bislang so gut wie keine Rolle spielten. Kaum etwas scheint unmöglich: Ob eine Niere aus dem 3D-Drucker oder ein Kühlschrank, der unaufgefordert Lebensmittel bestellt - dem Fortschritt sind offenbar keine Grenzen gesetzt.

Kein Wunder, sprechen Experten wie Jeremy Rifkin bereits von der nächsten industriellen Revolution, die unser Leben auf den Kopf stellt. ABB-Chef Ulrich Spiesshofer ortet «ungeahnte Möglichkeiten». Umgekehrt sieht so mancher Firmenlenker sein Geschäftsmodell fundamental bedroht. «Wer nicht handelt, wird behandelt», schrieb Postfinance-Chef Hansruedi Köng im vergangenen Herbst seinen Mitarbeitenden.

Robert Gordon, der Produktivitäts-Guru

Angesichts solcher apodiktischer Prognosen wirkt Robert Gordon wie aus der Zeit gefallen. Der 76-jährige Wirtschaftswissenschafter mit weissen Haaren und roter Nase ist der Antagonist der Fortschrittsbegeisterten. Angesprochen auf den technologischen Wandel, lächelt er. «Eine Küche sieht heute noch genau so aus wie vor fünfzig Jahren», sagt er. «Das Einzige, was hinzugekommen ist, ist die Mikrowelle.» Was ist mit der Vision des vernetzten Wohnens? «Das ist trivial.» Ein Kühlschrank, der eine Einkaufsliste erstellt? «Absolut trivial», lacht er. Auch in Zukunft würden Menschen Obst und Gemüse selbst aussuchen und einkaufen.

Ohnehin, so Gordons These, sei eine Vielzahl an Erfindungen der vergangenen Jahre in der Freizeitindustrie entstanden, das Smartphone etwa. Grosse Innovationen? Angeblich Fehlanzeige: «In der zweiten industriellen Revolution waren Elektrizität und der Verbrennungsmotor die grossen Treiber», so Gordon. «Da kommt nichts mehr.» Zusammengefasst lauten seine Kernthesen: Das starke Wachstum in den Dekaden bis in die 1970er Jahre war historisch einmalig. Der technologische Wandel aber hat nicht das Zeug, die Wirtschaft entscheidend anzuwerfen.

Gordons Prognose ist umso bemerkenswerter, weil er das Thema wie kein Zweiter durchdrungen hat. Er gilt als renommiertester Produktivitätsforscher der Welt. «Keiner auf dem Planeten versteht mehr davon», sagt Raghuram Rajan. Der frühere Chefökonom des Währungsfonds ist selbst ein angesehener Vertreter seiner Zunft, nachdem er 2005 vor einer Finanzkrise gewarnt hatte, die wenig später eintrat.

«Industrieroboter gibt es schon seit 1961»

Grosses Aufsehen erregte Gordon im vergangenen Jahr mit seinem Buch «Der Aufstieg und Fall des amerikanischen Wachstums», in dem er seine Thesen über 784 Seiten ausbreitete. Vielen Beobachtern gilt die Schrift heute als Standardwerk und Erklärung dafür, warum das wirtschaftliche Wachstum in den letzten Jahrzehnten so stark abgenommen hat. Selbst dem Aufstieg von Industrierobotern billigt Gordon kein disruptives Potenzial zu. «Industrieroboter gibt es schon seit 1961», sagt er, «und seit zwanzig Jahren steigt die Zahl stetig.» Auch die Folgen künstlicher Intelligenz wischt Gordon vom Tisch.

«Telefonieren Sie mit einem Kundenservice und haben einen Computer an der Leitung, dann ist auch das künstliche Intelligenz - das alles gibt es schon.» Entsprechend erwartet Gordon nicht, dass massenhaft Arbeitsplätze in Gefahr sind: «Die ganze Vorstellung, dass morgen alle Jobs verschwinden, ist Nonsense.» Immerhin, das kann an der Analyse von Gordon, den die «Washington Post» bereits den «deprimierendsten Ökonomen» nannte, positiv stimmen.

Kein Lifestyle, aber Medizintechnik

Tatsächlich deutet jedoch eine Reihe von Indizien darauf hin, dass Gordon am Ende falschliegen könnte. Denn gerade die Zahl der in der Industrie eingesetzten Roboter steigt seit 2010 deutlich und hat sich seitdem verdreifacht. Die Unternehmen in den USA investieren auch wieder stärker. Für Harald Preissler sind das eindeutige Signale.

«Der Produktivitätstrend dreht erstmals wieder nach oben», sagt der Chefökonom von Bantleon. Eben erst hat die Zuger Investmentfirma einen Aktienfonds aufgelegt, der auf nachhaltig produktivitätssteigernde Technologien setzt. Dort glaubt man an den Fortschritt: Denn Innovationen brauchen Zeit zur Entfaltung und sind nur mit grosser Verzögerung statistisch messbar.

Social-Media- und Lifestyle-Themen sollen weitgehend aussen vor bleiben. Insbesondere der Bereich Medizintechnik hat es den Experten angetan. Die US-Firmen Medtronic und Thermo Fisher sind zusammen mit der schwedischen Hexagon die grössten Einzeltitel. Fast die Hälfte des Geldes investiert der Fonds heute in den USA. Immerhin 5 Prozent sind auch in der Schweiz angelegt, wobei ABB heraussticht. Noch steckt der Automatisierungskonzern im Umbruch. Doch bei Bantleon setzt man auf den Aufstieg der Roboter: Das ist der langfristige Grund für das Engagement bei den Zürchern.

 

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