Eigentlich hatten Beobachter beim wichtigsten Notenbanker-Treffen vor allem auf die Rede von Fed-Chefin Janet Yellen hingefiebert. Doch ihr Auftritt verblasste im beschaulichen Jackson Hole regelrecht. Schuld daran war Yellens europäischer Kollege: Mario Draghi stahl der Arbeitsmarktexpertin die Show.

Abweichend vom normalerweise pedantisch eingehaltenen Redetext betonte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) am Freitagabend, dass alle marktbasierten Inflationserwartungen signifikant gefallen seien. Draghis Ton auf dem Jahrestreffen der internationalen Notenbankerszene war schärfer als zuvor.

Draghi plädierte in Jackson Hole für Konjunkturhilfen

Der Italiener betonte die Risiken für die Preisstabilität, die ein weiterer Rückgang der Inflation mit sich bringen würde. Offenbar stellt Quantitative Easing – also der Aufkauf von Anleihen – nun eine ernsthafte Handlungsoption für die Euro-Währungshüter dar. Weiteres Novum: «Draghi sprach sich für fiskalische Massnahmen aus, um die Konjunktur zu stabilisieren. Dies alles waren in den vergangenen Monaten nur alternative Möglichkeiten», sagt Alessandro Bee, Ökonom bei der Privatbank Safra Sarasin.

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An den Finanzmärkten sorgte Draghi unmittelbar für Turbulenzen. Der Euro sackte deutlich ab, der Franken gewann an Wert. Zum Wochenstart fiel der Euro zum Franken wieder unter die Marke von 1,21 – und damit bedrohlich nahe an die Wechselkursgrenze der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 1,20. Diese verteidigt die SNB bekanntlich seit September 2011 «mit allen Mitteln», musste in den vergangenen Monaten aber nicht mehr aktiv eingreifen.

«SNB muss wohl nicht intervenieren»

Ändert sich das nun? Zwar hat der Devisenmarkt Draghis Äusserungen laut den Experten der Commerzbank dahingehend interpretiert, dass breit angelegte Wertpapierkäufe durch die EZB «nun wahrscheinlicher geworden sind». Dies könnte in der Folge den Euro schwächen und den Franken stärken. Doch nach Ansicht von Sarasin-Ökonom Bee geraten die Schweizer Währungshüter dadurch nicht unter Zugzwang, die Währungsgrenze zu verteidigen. «Trotz Draghis Rede in Jackson Hole ist die Wahrscheinlichkeit klein, dass die SNB am Markt intervenieren muss, um den Franken zu schwächen», glaubt er.

Denn die Verfassung der Euro-Zone ist heute weitaus besser als noch in den Jahren 2011 oder 2012, als so mancher Investor noch ein ungeordnetes Auseinanderbrechen der Währungszone fürchtete. Vor allem den krisengebeutelten Südländern wie Spanien, Portugal und Griechenland geht es besser.

Niedrige Zinsen: «SNB wird der EZB folgen»

Nichtsdestotrotz ist das Schweizer Zinsumfeld unmittelbar mit jenem in Europa verknüpft. «Eine expansivere Geldpolitik im europäischen Währungsraum wird auf jeden Fall Auswirkungen auf die Schweiz haben, denn die SNB wird der EZB folgen», sagt Bee. Das heisst: Je länger die Zinsen in der Eurozone niedrig bleiben, desto länger wird das auch in der Schweiz der Fall sein. Für Sparer ist das eine schlechte Nachricht – für Hausbauer, die einen Kredit abzahlen, hingegen eine gute.

Und bei Experten setzt sich inzwischen die Ansicht durch: Womöglich wird die EZB frühestens 2018 das erste Mal den Leitzins anheben – in mindestens zweieinhalb Jahren. Das Dilemma der SNB verschärft sich damit: Reagiert sie früher mit einer Zinserhöhung, stärkt das den Franken – und gefährdet damit die selbst gezogene Währungsgrenze. Die Exportwirtschaft würde womöglich zusätzlich belastet. Dabei betonten Firmenchefs wie Swatch-Boss Nick Hayek zuletzt wiederholt, dass der Franken zu teuer sei.

Geldpolitischer Graben zwischen Angelsachsen und Europäern wächst

Zwischen Europa und den angelsächsischen Ländern vergrössert sich damit der geldpolitische Graben. Ähnlich wie in der Schweiz laufen in den USA und Grossbritannien Konjunktur und Arbeitsmärkte gut. So gut, dass Beobachter dort bereits für kommendes Frühjahr eine erste Zinserhöhung erwarten. Davon ist die Schweiz nach Draghis Rede am Freitag noch viel weiter entfernt.

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