Trotz des Franken-Schocks nach der Abschaffung des Euro-Mindestkurses dürfte der Internethandel im laufenden Jahr weiter zulegen. Allerdings wird er laut einer Studie wohl nicht mehr dieselben Wachstumsraten erreichen wie bisher.

Mit schnellen Preissenkungen hätten die meisten Schweizer Online-Anbieter auf die drastische Euro-Abwertung im vergangenen Januar reagiert, heisst es im «E-Commerce-Report 2015» der Fachhochschule Nordwestschweiz, der am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Die gesunkenen Preise führten bei gleicher Absatzmenge zu Rückgängen von Umsatz und Deckungsbeiträgen. «Das schmerzt, wie in anderen Märkten auch», hiess es in der Studie. Das erwartete Mengenwachstum werde den nominalen Umsatzrückgang nicht überall kompensieren können.

Einkaufen im Ausland

Zudem würden die Leute wegen des billigeren Euros mehr im Ausland einkaufen, sagte Studien-Mitautor Ralf Wölfle von der Fachhochschule Nordwestschweiz im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Dadurch sei zwar der Onlinemarkt für die Kunden attraktiv, aber der Konkurrenzdruck steige.

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Die drastische Euro-Abwertung habe vielerlei Auswirkungen auf die Schweizer Online-Anbieter. Um dem Kauf der Kunden im Ausland entgegenzuwirken, hätten viele Anbieter die Preise gesenkt. Dadurch nahmen sie aber Verluste in Kauf, weil sie die Ware noch zu alten Preisen gekauft hatten.

Kosten in der Schweiz bleiben gleich

Angenommen ein Modeanbieter kaufe seine Ware zum Preis von 40 Prozent des Endkundenpreises in Euro ein, dann erziele er durch die Euro-Abwertung einen Einkaufsvorteil von 6 Prozent. Seine Kunden erwarten aber einen Preisnachlass von 15 Prozent, nämlich soviel wie der Euro gegenüber dem Franken billiger wurde. Gleichzeitig bleiben die Kosten in der Schweiz gleich hoch. Zudem wird durch den starken Franken die Schweiz für ausländische Anbieter noch attraktiver.

«Trotzdem, die anfänglich grosse Verunsicherung hat sich binnen drei Monaten mehrheitlich gelegt», heisst es in der Studie, die von der Fachhochschule Nordwestschweiz im Auftrag des Zahlungsabwicklers Datatrans im ersten Quartal durchgeführt wurde. Dazu wurden Verantwortliche von 38 wichtigen im Schweizer Internethandel tätigen Unternehmen befragt. Zusammen machen sie ein E-Commerce-Volumen von über 4 Milliarden Franken aus.

Zuversicht für Wachstum

Die Studienteilnehmer glaubten, weiter wachsen zu können, obwohl die Preise sinken würden. Die Branche zeige sich zuversichtlich, sich behaupten zu können, indem sie ihre Leistungen und ihr Produkteangebot ausbaue, sagte Wölfle.

31 der befragten Studienteilnehmer rechneten mit Wachstumsraten von bis zu 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nur zwei Unternehmen erwarteten einen Umsatzrückgang. Fast die Hälfte der Befragten sieht allerdings eine Verlangsamung des bisherigen Wachstums. Dieses Jahr werde das Wachstum des E-Commerce in der Schweiz wegen des billigeren Euros voraussichtlich auf unter 10 Prozent fallen, sagte Wölfle.

Handys als Wachstumsmotor

Als stärkster Treiber, der dem Internethandel nochmals einen neuen Schub geben soll, werden die mobilen Geräte wie Handy und Tabletcomputer gesehen. Diese seien heute noch mit angezogener Handbremse unterwegs.

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Die Leute würden sich zwar auf ihren mobilen Geräten über Einkaufsmöglichkeiten informieren. Die Bestellrate sei aber noch gering, sagte Wölfle. Denn die Internetseiten seien noch zu wenig für die mobilen Geräte optimiert. Vor allem der Bezahlprozess sei oft noch zu kompliziert. Wenn die Handbremse gelöst werde, gehe die Post ab.

6 Milliarden Umsatz

Auf 5,9 Milliarden Franken bezifferten der Verband des Schweizerischen Versandhandels VSV und das Marktforschungsinstitut GfK Switzerland im vergangenen Jahr den Wert online bestellter Waren mit Empfängeradresse in der Schweiz. Auf weitere 200 Millionen Franken wurde der Wert von Onlinebestellungen geschätzt, die Schweizer von ausländischen Anbietern an eine grenznahe Abholstation senden lassen und selbst in die Schweiz einführten.

Die insgesamt 6,1 Milliarden Franken sind knapp 10 Prozent mehr als im Vorjahr 2013. Dabei wird das Gesamtvolumen des Detailhandels für 2014 auf 98,1 Milliarden Franken geschätzt, womit der Anteil der Onlinebestellungen bei 6,2 Prozent liegt. Je nach Branche macht dieser zwischen 1 Prozent und rund 30 Prozent des Geschäfts aus.

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Ausländische Anbieter hätten laut GfK ihren Marktanteil erhöhen können. Mittlerweile dürften die Anbieter aus dem Ausland grob geschätzt rund 20 Prozent der Schweizer Warenbestellungen im Internet ausmachen, sagte Wölfle.

(sda/ise/ama)