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Stabfund
UBS-Rettung: Der Mann für die Ewigkeit

StabFund SNB UBS Marcel Zimmermann
«Wie konnte man solche Positionen eingehen?»: Marcel Zimmermann im SNB-Gebäude in ZürichQuelle: Sophie Stieger

Was macht man mit Milliarden ­Ramschpapieren? Marcel Zimmermann weiss es: Er leitete die «Bad Bank», die 2008 die UBS-Altlasten übernahm.

Von Ralph Pöhner
am 24.09.2018

Als die Schweiz aus allen Wolken fällt, ist Marcel Zimmermann schon ziemlich müde. Am Morgen des 16. Oktober 2008 verkünden Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und Jean-Pierre Roth, der Nationalbank-Präsident, dass die UBS mit einem Notpaket gestützt werden muss. Die grösste Schweizer Bank hat sich mit undurchsichtigen Anlagen in den USA verzockt, nun braucht sie frisches Geld und vor allem frische Glaubwürdigkeit. Die Schweiz, so erfahren die verblüfften Bürgerinnen und Bürger, beteiligt sich mit 6 Milliarden Franken an ihrer grössten Bank. Und vor allem kann die UBS bis zu 60 Milliarden Dollar an illiquiden Vermögenswerten loswerden: Eine Zweckgesellschaft unter Führung der Nationalbank wird ihr die Papiere abkaufen.


Was mit all diesen toxischen Anlagen, diesem Ramsch, diesem illiquiden Schrott – so die Modebegriffe in jenen Wochen – geschehen soll, das werde man später ­sehen. «Die Nationalbank hat Zeit», erklärt Jean-Pierre Roth vor den Medien. «Wir sind da für die Ewigkeit.»


Es begann mit Bear Stearns

Zuständig für die Ewigkeit ist Marcel Zimmermann, damals 39 Jahre alt und laut Visitenkarte stellvertretender Leiter Geldmarkt und Devisenhandel bei der SNB. Er soll die Bad Bank errichten und führen, wobei man das Konstrukt allerdings diskreter Stabilisierungsfonds tauft, kurz: Stabfund.

Müde ist Zimmermann, weil er sich schon seit Wochen auf diesen Donnerschlag vorbereitet hat, in der Schlussphase mit langen Arbeitstagen und kurzen Nächten. Mit acht Arbeits­kollegen gehörte er der SNB-internen Taskforce an, die das Drehbuch aufsetzte. Bereits im März 2008, nach der Notrettung der Investmentbank Bear Stearns in New York, hatte die Nationalbank begonnen, ein Konzept zur Übernahme von schlechten Anlagen der Schweizer Grossbanken zu entwickeln. Als Eveline Widmer-Schlumpf und Jean-Pierre Roth die Me­dien nach Bern rufen, liegt eine von der UBS und der SNB unterschriebene Vereinbarung vor ihnen: Sie legt die Grundstruktur des Stabfund weitgehend fest; ein ­Anhang führt bereits alle Assets auf, die von der UBS übertragen werden. Es sind rund 5000 Positionen. 

«Zu jenem Zeitpunkt hatten wir erst ­einen Gesamteindruck des Portefeuilles», erinnert sich Marcel Zimmermann. «Die Detailsicht auf die Anlagen bekamen wir dann, als durch die externen Bewertungsfirmen der Übernahmepreis ermittelt wurde.» 



Unerschütterlich auf Talfahrt


Nun begann die Ewigkeit. In drei Wellen werden die Papiere transferiert und in die Systeme des Stabfund eingepflegt. Etwa im Frühjahr hat das Team an der ­Zürcher Börsenstrasse den vollständigen Überblick: Den Hauptbrocken im Paket bilden Sammelpakete mit Hypotheken auf Wohnimmo­bilien – rund 45 Prozent –, dann Kreditverbriefungen auf kommerzielle Liegenschaften (27 Prozent), aber auch Flugzeugfinanzierungen oder Unternehmenskredite, schliesslich rund 30 000 einzelne Darlehen, die an amerikanische Studenten vergeben worden waren: Tausende Papiere, von denen man in diesem Winter 2008 nicht weiss, ob sie jemals ­wieder Geld einbringen werden. Es sind, so zeigt die Schlussaddition, Vermögenswerte und Eventualverpflichtungen, die immerhin zu knapp 40 Milliarden Dollar in den Büchern der UBS gestanden hatten.

Marcel Zimmermann redet lieber zu vorsichtig als zu laut, auch darin ein Gegensatz zu den «Masters of the Universe», deren Hinterlassenschaften er aufräumen musste. Er wertet nicht. Er spekuliert nicht darüber, warum sich die Grossbanker in den nuller Jahren derart verirren konnten. Er sieht es fachmännisch: «Manchmal ­haben wir nicht recht verstanden, wie das Pricing zustande gekommen war», sagt er. «Und wir fragten uns: Wie konnte man eine Position eingehen, bei der die Aufschläge im Vergleich zu risikolosen An­lagen so bescheiden sind?»


Ob er je etwas aus der UBS-Hinter­lassenschaft herausholen würde – das hingegen fragte er sich nicht. Der Stabfund war dazu angelegt, die welken US-Papiere jahrelang zu bunkern. «Wir haben uns nicht händeringend mit dem Problem auseinandergesetzt, wann eine positive Entwicklung einsetzt», so Zimmermann. Und so nahm er zuerst unerschütterlich weitere Abschreiber vor, während die EU-Schuldenkrise die Lage nochmals verschärfte.

Schimmel an den Wänden

Etwa zwei Jahre lang verwaltete er vor allem eine Talfahrt. 
Unterstützt von amerikanischen und britischen UBS-Spezialisten machten sich die Notenbanker zugleich auf die Suche nach Gegenparteien: Wer will die Kredite verwerten? Wer könnte all die Studentendarlehen übernehmen?

In den Stabfund war auch das «Omphoy Ocean Resort» in Palm Beach gerutscht, das mit UBS-Krediten für 60 Millionen Dollar aufgepeppt worden war; hinein geriet eine verschimmelte Flughafenabsteige in Tampa, die erst einmal renoviert werden musste; oder hinein kam ein Apartmenthaus in Chi­cago, an dem der inzwischen zahlungs­unfähige Vorbesitzer allerlei Bauvorschriften verletzt hatte.


Im Rückblick erscheint es klarer, weshalb die Ewigkeit doch nur ein paar Jahre dauerte: Die Tiefzinspolitik der Zentralbanken befeuerte eine rasche Erholung an der Börse. Genaueres sah aber auch das Team um Marcel Zimmermann nicht kommen, denn es herrschte eine strikte Trennung: Über die Geld­politik sei er so wenig oder so gut informiert gewesen wie alle anderen auf dem ­Finanzmarkt.

Die Spezialisten an der Börsenstrasse gingen also ganz schematisch vor: Sie versuchten, die Ertragschancen jeder Anlage zu ermitteln, sie kalkulierten daraus einen Substanzwert – und dann wurde geschaut, ob und wie sich ­dieser Preis erzielen liesse. Und ob man besser zuwartet. Oder ob man auch einmal einen Verlust realisiert.



Miniauktionen für Hedgefonds


Ab 2010 wagten sich wieder mehr Anleger ins Trümmerfeld. Langsam entstand wieder ein Markt für Hypothekenpakete. Hedgefonds und andere Investoren übernahmen die einst «toxischen» Papiere in der Hoffnung, sie später noch teurer wieder losschlagen zu können. In Miniauktionen luden die Stabfund-Manager andere Wertpapierhäuser ein, Gebote abzugeben.

Bereits im Herbst 2013, keine fünf Jahre nach dem Paukenschlag, konnte Marcel Zimmermann, konnte sein Team, konnte die Schweiz einen Schlussstrich ziehen und diese Bad Bank schliessen. Die Endabrechnung wies einen Ertrag von 5,2 Milliarden Dollar auf.


Ob ihn die Erfahrung geprägt habe? Marcel Zimmermann wiegt den Kopf. «Der Stabfund war ein wahnsinnig lehrreicher und spannender Abschnitt in ­meinem Leben.» Die Seite wechseln wollte er dennoch nicht. «Sicher, wenn ich zu einem Hedgefonds wäre, hätten mir diese Erfahrungen und diese Kontakte viel genützt.»

Aber ein Seitenwechsel war kein Thema; er blieb bei der Nationalbank, heute ist er Direktor Geldmarkt und Devisenhandel. Um viele Erfahrungen reicher – aber, wie er sagt: «Auch Geldpolitik ist extrem spannend.»

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