Führende US-Notenbanker haben trotz überraschend schwacher Arbeitsmarktdaten eine erste Zinserhöhung in den USA noch in diesem Jahr in Aussicht gestellt. Auf dem Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Lima sagte der stellvertretende Chef der Notenbank Fed, Stanley Fischer, am Wochenende zur Stimmung innerhalb des geldpolitischen Ausschusses: «Die meisten Mitglieder, mich eingeschlossen, sehen, dass die Bedingungen für eine erste Zinserhöhung im laufenden Jahr erreicht werden können.»

Allerdings stellte Fischer auch klar, dass sich die Fed sowohl beim Zeitpunkt einer ersten Zinsanhebung als auch bei dem anschliessenden Straffungskurs nicht festlege. Vielmehr handele es sich um eine Erwartung. Die Notenbank benötige noch mehr Klarheit bei der Einschätzung der konjunkturellen Entwicklung. Nach wie vor müsse die Fed berücksichtigen, dass es Risiken für den Aufschwung in den USA gebe.

Knackpunkt Inflation

Zuvor hatten sich bereits der Präsident der regionalen Notenbank von New York, William Dudley, und der Präsident der regionalen Notenbank von Atlanta, Dennis Lockart, für eine Zinswende im laufenden Jahr ausgesprochen, falls sich die US-Wirtschaft weiter auf Wachstumskurs bleibt. Auch Dudley wies jedoch darauf hin, dass sich die Fed nicht festlege und nach konjunktureller Entwicklung vorgehen werde.

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Dagegen hatte sich der Chef der regionalen Notenbank von Chicago, Charles Evans, zuletzt eher für einen späteren Zeitpunkt der Zinswende stark gemacht. Er begründete seine vorsichtige Sichtweise mit der ungewöhnlich schwachen Inflation in den USA. «Mich beunruhigt weniger der Arbeitsmarkt als die Inflation», sagte Evans. Im September war die Inflation wieder in den negativen Bereich abgerutscht, während die Fed ein Inflationsziel von zwei Prozent verfolgt.

Märkte rechnen mit Verschiebung

Die Fed kann die Zinswende bei der nächsten Sitzung Ende Oktober, oder bei der übernächsten Zinsentscheidung Mitte Dezember einläuten. Trotz der Hinweise auf eine erste Zinserhöhung in den USA seit der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise noch in diesem Jahr rechnen die Finanzmärkte immer mehr mit einer Verschiebung ins kommende Jahr. «Die Worte hör ich, allein mir fehlt der Glaube», kommentierte Experte Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank die Stimmung unter den Anlegern.

Zuletzt hatte vor allem ein enttäuschender Arbeitsmarktbericht für September den Spekulationen auf eine erste Zinserhöhung im laufenden Jahr einen spürbaren Dämpfer versetzt. Nach Einschätzung von Leuchtmann zeigen die Aussagen führender Fed-Mitglieder derzeit keine Wirkung an den Märkten. «Zu tief sitzt bei vielen Marktteilnehmern die Enttäuschung darüber, dass der Zinsschritt nicht bereits im September erfolgte, obwohl eigentlich schon damals das Umfeld für einen Zinsschritt als nahezu optimal erschien.»

(awp/dbe/hon)