Die amerikanische Wirtschaft hat ihr Wachstumstempo der US-Notenbank zufolge von April bis Mai in etwa gehalten. Die Erholung sei allerdings nur «mässig bis moderat» verlaufen, heisst es in dem Konjunkturbericht der Federal Reserve. Die wirtschaftliche Entwicklung in den zwölf regionalen Notenbankbezirken, auf denen der Bericht fusst, scheint aber auf einem breiten Fundament zu basieren. Wachstum habe es unter anderem in der Industrie, im Dienstleistungssektor und bei den Konsumausgaben gegeben. Der krisengeschüttelte Immobilienmarkt habe sich sogar stark erholt.

Bis auf den Notenbankbezirk Dallas, der ein starkes Wirtschaftswachstum meldete, seien die Regionen in etwa gleichem Tempo gewachsen, heisst es in dem sogenannten Beige Book. Positiv werden erhöhte Autoverkäufe genannt, daneben das anziehende Tourismusgeschäft. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt habe sich verbessert. Ein verstärkter Lohnauftrieb sei nach wie vor nicht zu beobachten.

85 Milliarden für die Märkte

Die Entwicklung der amerikanischen Konjunktur ist von entscheidender Bedeutung für die Geldpolitik der Federal Reserve. Angesichts der stabileren Wirtschaftslage denkt die Notenbank gegenwärtig darüber nach, ihre milliardenschweren Anleihekäufe im Laufe des Jahres zu verringern. Wann die Fed ihren Fuss etwas vom Gaspedal nehmen wird, ist noch unklar. Viele Bankvolkswirte rechnen mit einem ersten Schritt im Frühherbst, soweit sich die Konjunktur nicht wieder abschwächt.

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Gegenwärtig pumpt die Fed über Wertpapierkäufe 85 Milliarden Dollar pro Monat in die Finanzmärkte. Mit der Geldschwemme will sie insbesondere den Arbeits- und Immobilienmarkt beleben. Die Leitzinsen fallen derzeit als Steuerungsinstrument aus. Sie liegen seit viereinhalb Jahren ohnehin nahe der Nulllinie.

Weniger Aufträge als erwartet

Der Konjunkturbericht der Fed ergibt sich aus Eindrücken von Wirtschaftsvertretern des Landes, die im Kontakt mit den zwölf regionalen Notenbanken stehen. Der Bericht stellt damit keine Einschätzung der Federal Reserve dar, sondern gibt ein Bild über die konjunkturelle Lage aus Sicht der Unternehmen wider. Konkrete Aussagen zur Geldpolitik finden sich im Beige Book nicht.

Schon zuvor kamen wenig gute Daten von der Konjunkturfront: Die US-Industrie hat im April nicht so viele Aufträge an Land gezogen wie erwartet. Die Betriebe sammelten nur ein Prozent mehr Bestellungen ein als im März, wie das Handelsministerium in Washington am Mittwoch mitteilte. Von Reuters befragte Analysten hatten im Mittel mit einem Plus von 1,5 Prozent gerechnet. Im März waren die Aufträge allerdings um revidiert 4,7 Prozent abgesackt, sodass der Anstieg im Folgemonat diesen Einbruch nicht annähernd ausgleichen konnte.

Schwächere Nachfrage aus China

Die amerikanische Industrie wird derzeit von zwei Seiten in die Zange genommen: Im Inland wirkt sich der Sparzwang des hoch verschuldeten Staates negativ aus. Und bei den Auslandsaufträgen schlägt sich die schwächere Nachfrage aus China und die Rezession in der Euro-Zone negativ nieder. Die Industrie war im Mai erstmals seit rund einem halben Jahr wieder geschrumpft, wie aus dem Konjunktur-Index des Institute for Supply Management ISM hervorgeht.

(se/reuters)