Nach überraschend schwachen Arbeitsmarktdaten schwindet die Aussicht auf eine rasche Zinswende in den USA. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass die US-Notenbank zumindest in diesem Monat ihre Politik des billigen Geldes noch nicht beendet.

Denn die US-Wirtschaft schuf im September deutlich weniger Jobs als angenommen. So stieg die am Finanzmarkt mit Spannung erwartete Zahl nur um 142'000, wie das Arbeitsministerium am Freitag mitteilte. «Die Zahlen sind so schlecht, dass sich eine Zinserhöhung im Oktober nicht aufdrängt», sagte Commerzbank-Experte Bernd Weidensteiner: «Der Dezember-Termin ist nach wie vor möglich.» Andere Finanzmarktexperten halten es sogar für wahrscheinlich, dass die Notenbank (Fed) bis März 2016 wartet.

Oktober-Termin ist wohl vom Tisch

Die Währungshüter um Fed-Chefin Janet Yellen wollen vor der ersten Zinserhöhung seit fast zehn Jahren Fortschritte am Jobmarkt sehen. Sie hatten zuletzt die Zinswende noch für dieses Jahr in Aussicht gestellt. Die letzten Gelegenheiten dafür hat Yellen im Oktober und kurz vor Weihnachten. Die aktuellen Konjunkturdaten sprechen nach Ansicht von Chefökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank allerdings gegen eine Zinserhöhung in diesem Jahr. So stagnierte die Industrie zuletzt weitgehend.

«Bis Dezember ist aber noch etwas Zeit. Bessern sich die Daten wieder, wird die Fed reagieren», sagte Gitzel. Sollten allerdings im Oktober die US-Konjunkturdaten weiter schwächeln, «fährt der Zug für eine Zinserhöhung im laufenden Jahr langsam aber sicher ab». Nach dem Barometer von CME FedWatch signalisieren die Kurse an den Terminmärkten, dass Investoren die Wahrscheinlichkeit der US-Zinswende im März 2016 auf 50 Prozent taxieren. Eine Anhebung noch im laufenden Monat sei dagegen für sie fast vollständig vom Tisch.

Dollar auf Talfahrt

Die Arbeitsmarkt-Daten schickten auch den Dollar auf Talfahrt. Der Euro verteuerte sich binnen Minuten um mehr als eineinhalb US-Cent auf bis zu 1,1315 Dollar. Im Gegenzug drehten Dax und EuroStoxx50 ins Minus, der deutsche Aktienindex notierte knapp ein Prozent im Minus, die US-Börsen starteten noch schwächer in den letzten Handelstag der Woche.

Von Reuters befragte Ökonomen hatten statt der nun erreichten Zahl von 142'000 neuen Stellen im September mit 203'000 neuen Jobs gerechnet. Zudem entstanden im Juli und im August fast 60'000 weniger Stellen als ursprünglich angenommen. Der Präsident der Fed in Minneapolis, Narayana Kocherlakota, warnte davor, die Erholung am Arbeitsmarkt abzuwürgen. Der Notenbanker ist aber im entscheidenden Fed-Gremium, das über die Zinsen bestimmt, nicht stimmberechtigt.

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Angst der Schwellenländer

Der Chefökonom von US-Präsident Barack Obama verwies auf eine globale Konjunkturschwäche, die auf die US-Wirtschaft abstrahle. «Insgesamt sind wir recht zufrieden mit der Arbeitslosenquote, aber die Ereignisse in der übrigen Welt sind wichtig für uns hier in den USA», sagte Jason Furman dem Sender «CNBC». Die Arbeitslosenquote verharrte im September bei 5,1 Prozent und entspricht damit nahezu der von der Fed angestrebten Vollbeschäftigung.

Schwellenländer fürchten bei einer Zinserhöhung in den USA, dass Investoren Gelder aus Indien, Brasilien & Co abziehen und wieder verstärkt in der weltgrössten Volkswirtschaft anlegen. Weltbank-Chef Jim Yong Kim plädierte erst am Donnerstag dafür, die Fed sollte mit einer Zinserhöhung bis 2016 warten. Denn ein Schritt bereits in diesem Jahr hätte «sehr ernsthafte, negative Auswirkungen» auf die Schwellenländern, sagte Kim «CNBC».

«Grosse Herausforderung»

Auch in Kreisen der deutschen Bundesregierung hiess es jüngst, vor allem in diesen aufstrebenden Staaten löse die Debatte Unsicherheit und Sorgen aus. «Die geldpolitische Orientierung der USA ist eine grosse Herausforderung», sagte ein Regierungsvertreter. Das Thema werde sicher nächste Woche bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Peru diskutiert werden.

Im nächsten Jahr trifft sich die Fed zunächst Ende Januar zu einer Zinssitzung. Aber erst nach dem Treffen Mitte März ist wieder eine Pressekonferenz mit Yellen geplant.

(reuters/dbe)