Der Ton zwischen den USA und Deutschland wird rauer. Erst führte die Spionage-Affäre zu einer Anspannung der diplomatischen Beziehungen. Jetzt hat das US-Finanzministerium die deutsche Wirtschaftspolitik zum ersten Mal ungewöhnlich offen und scharf kritisiert: Während der gesamten Euro-Krise habe der hohe Leistungsbilanzüberschuss der deutschen Wirtschaft nicht abgenommen, schreiben die Schatzmeister in einem Bericht für den amerikanischen Kongress. «Und 2012 war der deutsche Leistungsbilanzüberschuss grösser als jener von China.»

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Die Kritik des Finanzministeriums könnte ein Richtungswechsel der USA in Sachen weltweite Wirtschaftspolitik darstellen. Bislang war Washington vor allem die chinesische Wirtschaft ein Dorn im Auge: Weil Peking den Wechselkurs künstlich niedrig halte, profitierten chinesische Firmen auf Kosten der amerikanischen Wirtschaft, lautet die seit Jahren gängige Kritik. Mittlerweile steuert Peking mit stabilisierenden Massnahmen dagegen – die Differenz zwischen Exporten und Importen sank in den vergangenen Jahren kontinuierlich.

Makro-Ungleichgewichte eine Ursache für die Finanzkrise

Die grossen makroökonomischen Ungleichgewichte sind nach Ansicht vieler Experten ein Grund für die weltweite Finanzkrise. In einigen Ländern wie Deutschland, Japan, China – aber auch der Schweiz –, sammeln sich viele Ersparnisse an, die in der ganzen Welt angelegt werden. Gleichzeitig müssen sich Länder mit hohen Aussendefiziten oft im Ausland verschulden. Diese Mischung destabilisiere die Weltwirtschaft auf lange Sicht, kritisieren vor allem angelsächsiche Beobachter wie Nobelpreisträger Joseph Stiglitz oder Raghuram Rajan, früher Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) und heute Chef der indischen Zentralbank. 

Während Peking sich bei diesem Thema inzwischen bewegt, tut sich in Deutschland bislang noch wenig: Im vergangenen Jahr stieg der Leistungsbilanzüberschuss nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf insgesamt 238 Milliarden Euro. Das bedeutet nicht nur den weltweit höchsten Wert – sondern gleichzeitig auch ein ähnlich hohes Ungleichgewicht wie vor der Finanzkrise. 2007 wurde ein Rekordwert von rund 248 Milliarden Dollar erzielt. In China ging der Überschuss hingegen von 420 Milliarden Dollar im Jahr 2008 auf nur noch rund 193 Milliarden zurück – heute ist er also nicht einmal mehr halb so hoch wie vor der Krise.

Gleichzeitig sitzen die USA gewissermassen im Glashaus: Ihr Leistungsbilanzüberschuss war im vergangenen Jahr mit rund 440 Milliarden Dollar weltweit mit Abstand am höchsten. Selbst wenn die grösste Volkswirtschaft ihr Handelsdefizit mit China und Deutschland vollständig abbaut, bleibt eine beträchtliche Lücke.

Sehr hohe Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften auch die ölexportierenden Länder im Nahen und Mittleren Osten, ebenso Norwegen. Innerhalb Europas stehen neben Deutschland auch die Niederlande in der Kritik. Im Rahmen eines neuen europaweiten Überwachungssystems wurde das Land für den hohen Überschuss bereits von Brüssel unter Beobachtung gestellt. Die EU-Kommission beobachtet dabei das Verhältnis von Aussenüberschuss zu Wirtschaftsleistung – bei dem jährlichen Verfahren wird der maximale Wert auf 6,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) festgesetzt.

Deutschland droht Ermahnung von Brüssel

In den vergangenen Jahren kam Deutschland regelmässig um einen Rüffel im Rahmen des sogenannten «macro imbalance procedure» herum: Ganz knapp lag der deutsche Wert bislang unter sechs Prozent. Davon ist Deutschland inzwischen jedoch weit entfernt: Im vergangenen Jahr lag der Überschuss bei fast sieben Prozent. In diesem November wird Brüssel einen neuen Bericht erstellen – gut möglich, dass dann auch Deutschland unter Beobachtung gestellt wird.

Auch für die Schweiz ist das Thema Aussenungleichgewicht von Bedeutung. Der helvetische Leistungsbilanzüberschuss misst in absoluten Zahlen rund 70 Milliarden Dollar. In Prozent des BIP gehört er sogar zu den höchsten der Welt.