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Verpokert
Viele Europäer zittern vor der Frankenstärke

Hausbauer: Viele von ihnen sind in Europa in Franken verschuldet – nun ein Problem. Keystone

Frankreich, Österreich, Polen oder auch Griechenland – viele Europäer nahmen Kredite in Franken auf. Mit dem plötzlichen Anstieg der Schweizer Währung steigen ihre Schulden. Nun geht Angst um.

Von Mathias Ohanian
am 16.01.2015

Bei der Österreichischen Nationalbank weiss man, was die Stunde geschlagen hat. Bereits kurz nach Aufgabe des Franken-Mindestkurses sah sie sich gestern genötigt, per Communiqué mitzuteilen: Stets habe man vor Krediten in Fremdwährungen gewarnt. Das erste Mal bereits im Jahr 2003, erklärt ein Sprecher. Die SNB-Massnahmen seien angesichts eines noch ausstehenden Volumens von Franken-Krediten an private Haushalte und Unternehmen in Österreich von 29,5 Milliarden Euro von «erheblicher Relevanz» sind.

Das Problem: Noch immer sind rund 150'000 private Haushalte im Nachbarstaat in Franken verschuldet. Mit dem Kurssprung der Schweizer Währung gegenüber dem Euro um rund 20 Prozent verteuern sich damit auch die ausstehenden Verbindlichkeiten. Österreich ist das Land in Europa, in dem private Haushalte und Unternehmen am meisten Verbindlichkeiten in Franken aufgenommen haben.

Polen, Franzosen, Deutsche in Franken verschuldet

Allein stehen die Österreicher jedoch nicht . Laut Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB) sind die Polen ähnlich stark betroffen. Selbst in Frankreich, Deutschland, Ungarn und Griechenland wurden in den vergangenen Jahren Milliardenkredite in Franken aufgetürmt – zusammengerechnet fast 60 Milliarden Euro.

«Auch viele Häuslebauer in Ungarn, Polen und Kroatien hat der gestrige Tag die Schweissperlen auf die Stirn getrieben. Sie haben ihre Immobilien auf Frankenbasis finanziert und müssen nun plötzlich deutlich mehr für Zinsen und Tilgung aufbringen als zuvor», kommentierte Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank.

Denn auch gegenüber dem ungarischen Forint, der kroatischen Kuna und dem polnischen Zloty gewann der Franken deutlich an Wert. In einem Kommentar für die « Financial Times» betonte der Chefberater der Allianz in Wirtschaftsfragen, Mohamed El-Erian, dass der SNB-Schritt Effekte weit über die Landesgrenzen hinaus habe. So dürften Länder wie Ungarn wegen ihrer Frankenkredite einen «ungünstigen Bewertungsschock» erleben.

Vermeintliches Schnäppchen wird teuer

Entsprechend wird für viele dieser Schuldner ein zunächst vermeintlich lukratives Geschäft nun zum Eigentor. Vor allem Anfang der 2000er Jahre nahmen viele Kreditnehmer in Europa ihre Schulden in Franken auf, weil die Zinsen in der Schweiz deutlich niedriger waren als an dem Heimatmärkten. Dass man sich damit einem Währungsrisiko aussetzte, spielte in den meisten Überlegungen offenbar nur eine untergeordnete Rolle.

In Österreich hatten zum Höhepunkt im Jahr 2008 rund 270'000 Haushalte zusammen 40 Milliarden Euro in Schweizer Franken Schulden. Seinerzeit reagierte die österreichische Notenbank gemeinsam mit der Finanzregulierung auf diesen Trend: Neukredite in Franken sind seit 2008 in Österreich nur noch unter strengen Auflagen möglich, insbesondere muss der Darlehensnehmer sein Gehalt in Franken beziehen. Damit wurde die Neuvergabe praktisch gestoppt, nur noch in den Grenzgebieten zur Schweiz lief das Geschäft weiter.

Viele Staaten reagierten bereits auf Problemkredite

Andere Länder reagierten ebenfalls: Ende 2013 verfügte das ungarische Parlament, dass rund 150'000 Kreditnehmer entlastet würden, die sich mit Frankenkrediten verhoben hatten. Dies ging auf Kosten der Darlehen gebenden Banken. Daneben wurde verfügt, dass Schuldner ihre Frankendarlehen zu einem festgelegten Wechselkurs in Forint tauschen konnten.

In Kroatien wurden Kredite ebenfalls umgewandelt, so auch in Ungarn. Dort gilt bis heute der Wechselkurs von November 2014. Schuldner, die bislang also nicht das Angebot angenommen haben, dürften dies bald nachholen. Entsprechend ist die Hoffnung gerechtfertigt, dass der jüngste Frankensprung weniger heftige Folgen für die Kleinsparer Europas hat als bei der letzten Ausfallwelle 2011.

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