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Laissez-faire
Viele Zentralbanker haben versagt

Ben Bernanke: Seine Leistung als Chef der US-Notenbank ist durchzogen. (Bild: Bloomberg)

Bei vielen Notenbanken scheiden führende Köpfe aus, die am Ausbruch der Weltwirtschaftskrise Mitverantwortung tragen. Inwieweit werden sie ihre Nachfolger beeinflussen?

Von Joseph E. Stiglitz
am 07.08.2013

Angesichts der eingeleiteten und ­anstehenden Führungswechsel bei ­vielen Zentralbanken scheiden nun viele derjenigen aus dem Amt, die für die 2008 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise mitverantwortlich waren – bevor sie dann starke Massnahmen ergriffen. Die Hauptfrage ist nun, in welchem Umfang die Notenbank­chefs das Verhalten ihrer Nachfolger beeinflussen werden.

Viele Akteure an den Finanzmärkten sind dankbar für die laxe Regulierung. Diese erlaubte es ihnen vor der Krise, enorme Gewinne ein­zufahren. Danach kassierten sie häufig ebenso riesige Bonuszahlungen für die grosszügigen Rettungsmassnahmen, die ihnen halfen, die Banken zu rekapitalisieren, obwohl sie die Weltwirtschaft an den Rande des Ruins gebracht hatten. Sicher, die lockere Geldpolitik hat zur Erholung der ­Aktienkurse beigetragen, doch sie hätte auch neue Vermögensblasen hervorrufen können.

Dennoch bleibt das Bruttoinlandprodukt (BIP) in vielen europäischen Ländern deutlich unter dem Niveau vor der Krise. In den USA geht es den meisten Bürgern – trotz steigendem BIP – heute schlechter als vor der Krise, weil die Einkommenszuwächse fast völlig an jene ganz oben geflossen sind.

Die Welt zahlt einen hohen Preis für die tolerierten Finanzexzesse

Kurz gefasst: Viele der Zentralbanker der aufregenden Vorkrisenjahre haben eine Menge zu verantworten. Angesichts ihres überzogenen Glaubens an die unbeschränkte Freiheit der Märkte sahen sie selbst bei offensichtlichem Missbrauch bewusst weg und bestritten die ­Existenz einer offensichtlichen Blase. Stattdessen konzentrierten sich die Zentralbanker stur auf die Preisstabilität, obwohl die Kosten einer gering­fügig höheren Inflation winzig gewesen wären im Vergleich zu dem Chaos, das die von ihnen tolerierten Finanzexzesse anrichteten. Die Welt hat dafür einen hohen Preis gezahlt.

Natürlich kann man nicht allen Zentralbankern Vorwürfe machen. Es war kein Zufall, dass Länder wie Australien, Brasilien, Kanada, China, Indien und die Türkei Finanzkrisen vermeiden konnten. Ihre Zentralbanker hatten – teilweise aus eigener Erfahrung – gelernt, dass ungehemmte Märkte nicht immer effizient sind oder sich selbst regulieren.

Als etwa der damalige Gouverneur der Zen­tralbank von Malaysia während der Ostasienkrise von 1997/98 die Verhängung von Kapitalkontrollen unterstützte, wurde diese Strategie harsch ­kritisiert. Doch der Mann hatte recht: Malaysia erlebte einen geringeren Abschwung und ging aus der Krise mit weniger Schulden hervor. Selbst der Internationale Währungsfonds anerkennt ­inzwischen, dass Kapitalkontrollen insbesondere in Krisenzeiten nützlich sein können.

Nachfolge von US-Fed-Chef Ben Bernanke hat grosse Relevanz

Von offensichtlichster Relevanz sind derartige Lehren beim derzeitigen Wettstreit um die Nachfolge von Ben Bernanke als Vorsitzendem des US Federal Reserve Board, der weltweit mächtigsten Währungsbehörde.

Die Fed hat zwei Hauptverantwortlichkeiten: Die Regulierung auf Makroebene mit dem Ziel, Vollbeschäftigung, Produktionswachstum und Preis- und Finanzstabilität zu gewährleisten, und die auf die Finanzmärkte gerichtete Regulierung auf Mikroebene. Beide sind aufs Engste miteinander verbunden: Die Regulierung auf Mikro­ebene beeinflusst das Kreditangebot. Das Versäumnis der Fed, ihrer diesbezüglichen Verantwortung nachzukommen, hatte viel mit ihrem Scheitern bei der Umsetzung ihrer Ziele auf ­Makroebene zu tun.

Jeder ernstzunehmende Bewerber um das Amt des Zentralbankchefs sollte sich der Bedeutung guter Regulierung und der Notwendigkeit bewusst sein, das US-Bankensystem zum Geschäft der Kreditvergabe zurückzubringen. Solides wirtschaftliches Urteilsvermögen und Diskretion sind angesichts der Notwendigkeit, die Risiken alternativer Strategien abzuwägen, und der Leichtigkeit, mit der sich die Finanzmärkte verunsichern lassen, ebenfalls erforderlich. Deshalb können sich die USA keinen Zentralbankchef leisten, der den Finanzsektor in übertriebener Weise unterstützt und nicht bereit ist, ihn zu regulieren.

Angesichts der Debatten über die relative Wichtigkeit von Inflation und Arbeitslosigkeit muss ein erfolgreicher Zentralbankchef zugleich in der Lage sein, gut mit Menschen umzugehen, die unterschiedliche Perspektiven vertreten. Doch sollte der nächste Chef der Fed sich dazu bekennen, die US-Arbeitslosigkeit unter ihr ­aktuelles, inakzeptabel hohes Niveau zu drücken. Eine Arbeitslosenquote von 7 Prozent – oder selbst 6 Prozent – sollte nicht als unvermeidlich angesehen werden.

Einige argumentieren, dass Amerika vor allem einen Zentralbanker braucht, der Krisen aus ­eigener Erfahrung erlebt hat. Wichtig jedoch ist nicht bloss, während einer Krise «dabei gewesen» zu sein, sondern bei ihrer Handhabung ein gutes Urteilsvermögen gezeigt zu haben.

Jene im US-Finanzministerium, die für die Steuerung der Ostasienkrise verantwortlich waren, haben eine miserable Leistung gezeigt und Abschwünge in Rezessionen und Rezessionen in Depressionen verwandelt. Auch den für die Bewältigung der Krise von 2008 Verantwortlichen kann man nicht zugutehalten, dass sie eine ­robuste, alle Gesellschaftsschichten umfassende Erholung herbeigeführt hätten. Ihre stümperhaften Bemühungen bei der Hypothekenumstrukturierung, ihr Versäumnis, wieder für eine Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen zu sorgen, und ihre fehlerhafte Handhabung der Bankenrettungen sind alle wohldokumentiert. Dasselbe gilt für ihre groben Fehler bei der ­Vorhersage von Produktionsentwicklung und ­Arbeitslosigkeit angesichts einer steil abstürzenden Konjunktur.

Noch wichtiger für einen Zentralbanker, der eine Krise managt, ist ein Bekenntnis zu Massnahmen, die weitere Krisen weniger wahrscheinlich machen. Eine Strategie des Laissez-faire ­dagegen würde weitere Krisen praktisch unvermeidlich machen.

US-Ökonomin Janet Yellen hatgute Karten

Gut platziert im Wettkampf um die Nachfolge von Ben Bernanke ist dessen Stellvertreterin Janet Yellen, eine meiner besten Studentinnen aus meiner Zeit als Professor in Yale. Sie ist eine hochintelligente Ökonomin mit der ausgeprägten ­Fähigkeit, Konsens herzustellen. Sie hat ihre ­Fähigkeiten als Vorsitzende des wirtschaftlichen Beraterstabs von Präsident Clinton, als Präsidentin der Federal Reserve Bank von San Francisco und in ihrer aktuellen Rolle unter Beweis gestellt.

Yellen bringt ein Verständnis nicht nur der ­Finanzmärkte und der Geldpolitik, sondern auch der Arbeitsmärkte mit – was in einer Zeit, in der Arbeitslosigkeit und stagnierende Löhne zentrale Problemstellungen sind, von entscheidender ­Bedeutung ist. Angesichts der fragilen wirtschaftlichen Erholung und der Notwendigkeit politischer Kontinuität und des Vertrauens in die Führung und globale Kooperation der Fed auf Basis gegenseitigen Vertrauens und Respekts ist Yellens ruhige Hand genau das, was die US-Politik braucht. Als Präsident ist Barack Obama gehalten, leitende Funktionsträger mit «Rat und Zustimmung» des US-Senats zu ernennen. Angeblich ­haben rund ein Drittel der Senatoren, welche der Demokratischen Partei angehören, Obama geschrieben und ihre Unterstützung Yellens zum Ausdruck gebracht. Er sollte auf sie hören.

Joseph E. Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie und Professor an der Columbia University. Zuletzt ist als Buch von ihm erschienen «Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht». © Project Syndicate, 2013

 

 

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