1. Home
  2. Konjunktur
  3. Wachstum: Zwischen Wohlstand und Ruin

Wachstum: Zwischen Wohlstand und Ruin

Schäden in Höhe von rund 60 Milliarden Dollar: Supersturm «Sandy» verwüstete im Oktober die Küste New Jerseys. (Bild: Keystone)

Die Menschheit steht vor einer klaren Entscheidung. Setzen sich die derzeitigen Wachstumsmuster fort, stehen wir vor einer ökologischen Katastrophe.

Von Jeffrey D. Sachs
am 30.01.2013

Was hält die Zukunft für die Weltwirtschaft bereit? Wird der Lebensstandard weltweit steigen, wenn die heutigen armen Länder Schritte in der technologischen Entwicklung überspringen und so zu den reicheren Ländern aufschliessen? Oder wird uns der Wohlstand durch die Finger rinnen, weil Gier und Korruption uns verleiten, lebenswichtige Ressourcen zu erschöpfen und die natürliche Umwelt zu zerstören? Die grösste Herausforderung, die sich der Menschheit stellt, ist es, statt einer Welt, die in Scherben liegt, eine Welt des Wohlstands zu gewährleisten.

Wie ein Roman mit zwei möglichen Enden ist unsere Geschichte eine, die in diesem neuen Jahrhundert erst noch geschrieben werden muss. Es ist nichts Zwangsläufiges an der Ausweitung – oder dem Zusammenbruch – unseres Wohlstandes. Die Zukunft ist stärker, als wir uns bewusst machen (oder eingestehen wollen), durch menschliche Entscheidungen bestimmt. Sie passiert nicht einfach.

Trotz anhaltender Wirtschaftskrise in Europa und den USA haben die Entwicklungsländer ein hohes Wirtschaftswachstum aufrechterhalten können. Der Internationale Währungsfonds sagt für 2013 für die hoch entwickelten Länder ein Wachstum von lediglich 1,5 Prozent voraus, für die Entwicklungsländer jedoch eines von 5,6 Prozent. Für die asiatischen Entwicklungsländer – die derzeit weltweit das Tempo vorgeben – wird ein Wachstum von 7,2 Prozent erwartet, und die Produktion in den schwarzafrikanischen Ländern dürfte um gesunde 5,7 Prozent steigen.

Afrika holt Rückstand auf dank des Handy-Booms

Die derzeitige Entwicklung ist gleichermas­sen kraftvoll wie eindeutig. Einst nur in reichen Ländern zu findende Technologien gehören heute der ganzen Welt. So ist etwa die Zahl der Mobilfunkteilnehmer in Schwarzafrika von praktisch null vor 20 Jahren auf heute 700 Mil­lionen gestiegen. Und diese Handys helfen, den Armen Zugang zu Bankdienstleistungen, Krankenversorgung, Bildung, dem Geschäftsleben, staatlichen Leistungen und Unterhaltungsangeboten zu verschaffen. In wenigen Jahren wird die grosse Mehrheit der Weltbevölkerung Zugang zu drahtlosem Breitbandinternet haben.

Doch es gibt noch eine andere Wahrheit. Das vergangene Jahr war das heisseste, das je in den USA gemessen wurde. Etwa 60 Prozent der US-Landkreise, darunter auch die Kornkammern des Landes – der Mittlere Westen und die Great Plains –, waren von Dürreperioden betroffen. Im Oktober traf ein aussergewöhnlicher Supersturm die Atlantikküste New Jerseys und verursachte dort Schäden in Höhe von rund 60 Milliarden Dollar. Aber auch viele andere Teile der Welt, darunter China, Australien, Südostasien, die Karibik und die afrikanische Sahelzone, ­wurden von Klimaproblemen – Überflutungen, Dürren, Hitzewellen, extremen Stürmen, massiven Waldbränden – heimgesucht.

 

Jeffrey D. Sachs, Ökonom und Uno-Sonderberater

Diese Umweltkatastrophen ereignen sich mit zunehmender Häufigkeit, da sie teilweise auf menschliches Handeln zurückzuführen sind – so auf Entwaldung, Küstenerosion, massive Umweltverschmutzung und natürlich die Freisetzung von Treibhausgasen, die das Klima verändern und zur Versauerung der Ozeane führen. Das Neue daran ist, dass Geisseln wie der Klimawandel inzwischen klar erkennbare und aktuelle Gefahren sind. Die Wissenschafter haben unserem Zeitalter sogar einen Namen gegeben: Das Anthropozän, in dem der Mensch (griechisch «anthropos») einen umfassenden Einfluss auf die Ökosysteme des Planeten ausübt.

Menschliches Handeln beeinflusst den Betriebszustand der Erde

Hierin liegt unsere grosse Herausforderung, die darüber entscheiden wird, ob wir einem Weg zu Wohlstand oder Ruin folgen. Die schnell wachsenden Entwicklungsländer können nicht einfach dem wirtschaftlichen Wachstumspfad folgen, den einst die heute reichen Länder gingen. Versuchen sie es, wird die Weltwirtschaft den Planeten über einen sicheren Betriebszustand hinausdrücken. Die Temperaturen werden steigen, Stürme an Intensität zunehmen, die Meere versauern und eine enorme Anzahl an ­Arten aufgrund der Vernichtung ihrer Lebensräume aussterben.

Die schlichte Tatsache ist: Die Menschheit steht vor einer klaren Entscheidung. Setzen sich die derzeitigen Wachstumsmuster fort, stehen wir vor einer ökologischen Katastrophe. Macht sich die Weltwirtschaft ein neues Wachstumsmuster zu eigen, das hoch entwickelte Techno­logien wie Smartphones, Breitband, Präzisionslandwirtschaft und Solarenergie nutzt, können wir den Wohlstand ausweiten und zugleich den Planeten retten.

Ich nenne das heutige Wachstumsmuster das Schema F. Das auf intelligenter Technologie beruhende Wachstumsmuster stellt im Gegensatz dazu die Option nachhaltiger Entwicklung dar. Schema F funktioniert gewöhnlich für eine Weile, aber endet in Tränen, während der Pfad nachhaltiger Entwicklung zu langfristigem Wohlstand führen kann.

Was also ist nötig, um das Happy End zu ­schreiben? Erstens müssen wir anerkennen, dass wir – als globale Gesellschaft – eine Entscheidung treffen müssen. Nach Schema F weiterzumachen ist bequem. Wir haben das Gefühl, dass wir es verstehen. Trotzdem reicht es nicht aus. Unser derzeitiges Modell bringt uns kurzfristigen Wohlstand auf Kosten zu vieler künftiger Krisen.

Es braucht neue Ideen und neue Denker

Zweitens müssen wir die leistungsstarken neuen Instrumente und Technologien erkennen, die uns zur Verfügung stehen. Mit unseren heutigen hoch entwickelten Informationstechno­logien – Computern, satellitengestützter Kartierung, Bildverarbeitung, Expertensystemen – können wir unter geringerer Schädigung der Umwelt mehr Nahrungsmittel produzieren, die öffentliche Gesundheit von Arm und Reich verbessern, bei geringeren Treibhausgas-Emissionen mehr Strom verteilen und unsere Städte ­lebenswerter und gesünder machen, auch wenn die Urbanisierung ihre Bevölkerungen in den kommenden Jahrzehnten um Milliarden erhöht.

Drittens sollten wir uns für die kommenden Jahre kühne Ziele setzen – den Wohlstand auszuweiten und die öffentliche Gesundheit zu verbessern und zugleich den Planeten zu retten. Vor 50 Jahren erklärte US-Präsident John F. Kennedy, wir sollten zum Mond fliegen, nicht weil es einfach sei, sondern weil es schwierig sei. Es fordere das Beste in uns heraus. In unserer Generation heisst die Herausforderung nachhaltige Entwicklung. Sie ermutigt uns, unsere Kreativität, unsere menschlichen Werte einzusetzen, um ­einen Pfad hin zum nachhaltigen Wohl unseres beengten, gefährdeten Planeten einzuschlagen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon hat mich gebeten, zu helfen, auf dem Weg zu diesem Ziel das Fachwissen der Welt zu mobilisieren. Die grössten Talente in unseren Gesellschaften – an den Universitäten, in den Unternehmen, in Nichtregierungsorganisationen und vor allem unter den jungen Leuten unserer Welt – sind bereit, sich unseren grössten Herausforderungen zu stellen. Sie engagieren sich im neuen Sustainable Development Solutions Network (Lösungs­netzwerk für nachhaltige Entwicklung) der Uno. In den kommenden Monaten und Jahren werden diese Vordenker ihre Visionen einer wohl­habenden und nachhaltigen Weltgesellschaft teilen.

Jeffrey D. Sachs ist Professor für nachhaltige Entwicklung, für Gesundheitspolitik und -management und Direktor des Earth Institute der Columbia University. Er ist ausserdem Sonderberater des UN-Generalsekretärs in Bezug auf die Millenniumsziele. © Project Syndicate, 2013

Anzeige