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Warum Arbeitnehmer vor harten Zeiten stehen

Gelebter Arbeitskampf: Gewerkschafter an einer Demonstration. Keystone

Die Wirtschaft ist ein einziger Klassenkampf, oder: Wie sich aus der Schweizerischen BIP-Statistik die Lohnentwicklung voraussagen lässt.

Von Simon Schmid
am 23.02.2016

Auf die lange Sicht ist die Wirtschaft eine Win-Win-Situation. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sitzen im gleichen Boot: Wird effizienter gearbeitet, so machen die Firmen mehr Gewinn, was höhere Löhne, mehr Konsum, mehr Investitionen und als Folge davon wiederum eine höhere Produktivität und höhere Gewinne ermöglicht. Wächst die Wirtschaft, so profitieren alle davon.

In der kurzen Frist sieht die Sache jedoch anders aus. Hier stehen die Produktionsfaktoren in erbittertem Widerstand. Jahr für Jahr findet ein Verteilkampf zwischen Arbeit und Kapital statt, denn es gibt nur einen begrenzten Mehrwert zu verteilen. Oder, um es etwas überspitzt mit Karl Marx zu sagen: Der Profit des Kapitalisten geht auf Kosten des Arbeiters – und umgekehrt.

Verteilkampf in der Stagnation

Welche Sichtweise ist richtig, welche ist falsch? Alles hängt von der Fragestellung ab. Spannend wird der Blick auf die Einkünfte der sozialen Klassen meist in der Krise – also dann, wenn es nicht viel zu verteilen gibt. So, wie etwa aktuell in der Schweiz.

Hier wuchs das BIP zuletzt praktisch gar nicht, wie Daten des Seco zeigen. Im dritten Quartal 2015 wurden 159,9 Milliarden Franken erwirtschaftet. Das ist, um es genau zu nehmen, sogar etwas weniger als im dritten Quartal 2014. Damals lag das BIP noch bei 160,8 Milliarden Franken (in nominalen Einheiten gemessen, also nicht preisbereinigt).

Arbeitnehmer mit konstanten Gewinnen

Wer gewinnt, wer verliert? Aufschluss darüber gibt die Seco-Statistik zum BIP nach Einkommenskomponenten. Auf diese Statistik wird in den gängigen Konjunkturprognosen und Zeitungsberichten selten eingegangen. Trotzdem offenbart sie interessante Trends.

Zum Beispiel diesen: Die Arbeitnehmer sind in den letzten Jahren verhältnismässig gut weggekommen. Das Entgelt für Arbeitnehmer, also die gesamte Lohnsumme in der Wirtschaft (blau), ist seit 2011 beständig um 1 bis 2 Prozent pro Jahr gewachsen. Derweil verzeichneten die Besitzer von Produktionskapital stagnierende oder sinkende Einkünfte (rot). Dies zeigt die folgende Grafik, die aus den Seco-Daten destilliert ist.

Kapitalbesitzer haben zuletzt etwas weniger vom BIP-Kuchen erhallten. Verwunderlich ist dies nicht. Denn: Die hiesige Volkswirtschaft war zuletzt mit Herausforderungen wie dem starken Franken konfrontiert. Kapitalbesitzer tragen grundsätzlich immer das Risiko, dass ihre Gewinne in schwierigen Zeiten sinken. Typischerweise sinkt ihr Anteil am BIP im Abschwung zuerst, später trifft es die Arbeitnehmer.

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Lohnstagnation mit Ansage

Was bringt die Zukunft? Täuschen die aktuellen Konjunkturprognosen nicht, so wird die hiesige Wirtschaft in den kommenden Jahren weniger schnell wachsen als in der Vergangenheit. 2015 herrschte praktisch Stillstand, 2016 dürfte die Konjunktur erst langsam wieder Fahrt aufnehmen.

Man muss kein Prophet sein, um vor diesem Hintergrund die Prognose zu wagen: Auch auf die Arbeitnehmer kommen nun magere Jahre zu. Darauf deuten zumindest die letzten Zyklen hin, welche die Volkswirtschaft durchmachte. Sie sind auf der folgenden Grafik abgebildet, die das Wachstum der Löhne und der Gewinne zeigt. Jedes Jahr entspricht dabei einem Datenpunkt, die einzelnen Jahre sind durch eine Linie verbunden.

Der Rückblick auf fünfzehn Jahre BIP-Komponentenwachstum legt nahe: Der Verteilkampf ums BIP läuft nach einem wiederkehrenden, zyklischen Muster ab. Zwei solcher Zyklen wurden im Zeitraum zwischen 2000 und 2005 (orange) und zwischen 2006 und 2011 (braun) durchlaufen.

Der Ablauf dieser Zyklen lässt sich etwa so zusammenfassen:

  • Zu Beginn einer schwierigen Phase (2000-01 und 2006-08) gehen jeweils erst die Unternehmensgewinne zurück (Bewegung nach unten). Parallel dazu wachsen die Arbeitnehmerentgelte aber weiter an (Bewegung nach rechts). Firmen zögern mit Lohnkürzungen und Entlassungen.
  • Nach einer Weile (2001-03 und 2008-10) spüren jedoch auch die Arbeitnehmer die neue Situation. Die Lohnsumme wächst nur noch schwach, es kommt öfters zu Entlassungen (Bewegung nach links). Dies entlastet die Betriebsrechnung der Firmen.
  • Mit etwas Verzögerung (2002-04 und 2009-10) steigen die Gewinne dann wieder an (Bewegung nach oben). Dies, weil einerseits die Arbeitskosten gering gehalten werden, und andererseits, weil ein externer Schock – zum Beispiel eine internationale Flaute oder eine Währungsaufwertung – nachlässt oder verdaut wird.
  • In der letzten Phase des Zyklus (2004-05 und 2010-11) wachsen schliesslich auch die Löhne wieder stärker (Bewegung nach rechts). Parallel dazu verlangsamt sich das Wachstum bei den Betriebsüberschüssen: Der Zyklus schliesst sich.

Wiederholung der Geschichte

Stehen wir erneut am Anfang eines solchen Zyklus? Wahrscheinlich schon. Zwischen 2012 und 2014 passierte in den Daten nicht viel – das Arbeitnehmerentgelt wuchs Jahr für Jahr um knapp 1,5 Prozent, die Betriebsüberschüsse blieben beinahe konstant.

Doch 2015 gingen die Betriebsüberschüsse markant zurück. Folgt die Geschichte dem bekannten Muster, so markiert dies die erste Phase im Zyklus (Bewegung nach unten). Typischerweise stagniert in der darauffolgenden Phase das Wachstum beim Arbeitnehmerentgelt (Bewegung nach links).

Was in den nächsten Jahren passiert, bleibt insgesamt schwer abzuschätzen. Es dürfte jedenfalls einige Zeit dauern, bis der BIP-Verteilzyklus wieder geschlossen wird – und die Volkswirtschaft in den Augen von allen wieder eine Win-Win-Angelegenheit ist.

Ist es sinnvoll, nun die Löhne zu senken? Was nützt der Volkswirtschaft über die längere Frist mehr: hohe Gewinne oder ein grösserer BIP-Anteil für die Arbeitnehmer? Mehr dazu in einem nächsten Post, der die Entwicklung international und langfristig vergleicht.

Simon Schmid
Chefökonom bei der Handelszeitung. Wirtschafts- und sozialwissenschaftlich inspirierter Schreiber.
Twitter: @schmid_simon

 

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