So bitter und so unverdient: Die Schweizer hatten die klareren Chancen und doch stehen die Argentinier nun im Viertelfinal. Noch in Jahren wird man über die vergebene Chance von Blerim Dzemaili in der Nachspielzeit der Verlängerung diskutieren, welche die Albiceleste ins Penaltyschiessen gezwungen hätte. Mit etwas Glück wäre man in wenigen Tagen auf Belgien getroffen – einen durchaus schlagbaren Gegner. Nicht auszudenken, was dann noch alles möglich gewesen wäre!

Doch Halt! Schmerz beiseite. In der traurigen Stunde der Niederlage braucht es etwas Realismus: Denn Weltmeister möchte man doch gar nicht werden. Das steigt einem Land bloss zu Kopf. Und kann am Ende ganz desaströs enden.

Spanien – mit Tiki-Taka in die Wirtschaftskrise

Tatsächlich zeigen Studien, dass so ein WM-Gewinn die Menschen in einem Land dazu verleiten kann, in der Euphorie des Sieges mehr Geld auszugeben – mehr, als man womöglich hat. Dieser Effekt ist zwar nur kurzfristig zu beobachten. Doch ein – zugegeben etwas oberflächlicher – Vergleich der WM-Sieger der jüngeren Vergangenheit und deren Wirtschaftsentwicklung zeigt: Ohne WM-Sieg ist man besser dran – ganz bestimmt.

Bestes Beispiel: die Spanier. Mit Tiki-Taka zum Gewinn der Europameisterschaft 2008, mit Tiki-Taka zum WM-Sieg 2010 – zwei Jahre später wieder Europameister. Und was hat’s gebracht? Vor dem ersten Titel war die Wirtschaftswelt noch in Ordnung. Heute steht kein Stein mehr auf dem anderen. 

Auch Italien erging es nicht besser

Von 2008 an schrumpfte Spaniens Wirtschaft bis vergangenen Winter beinahe ununterbrochen. Die staatliche Schuldenlast explodierte förmlich – von 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) 2008 auf über 60 Prozent im Jahr 2010. Mit dem WM-Titel brachen die Dämme: Für dieses Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds eine Verschuldung von fast 100 Prozent – Spaniens Verbindlichkeiten sind heute damit so hoch wie die Wirtschaftsleistung selbst.

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Nicht viel besser erging es zuvor Italien, das 2006 Weltmeister wurde: Von der globalen Finanzkrise gepeinigt, rauschte das Land 2008/09 in die schwerste Rezession aller grossen Industriestaaten. Wichtige Arbeitsmarktreformen wurden jahrelang verschlafen. Die Zeit mit Premier Silvio Berlusconi bedeuteten für die drittgrösste Volkswirtschaft der Euro-Zone mehr Rückschritt denn Fortschritt.

Die Deutschen haben aus 1990 gelernt

Ähnliches erlebten auch die Deutschen, die 1990 in Italien den WM-Titel holten. Hinzu kam die Wiedervereinigung: zu viel für die Nachbarn. Noch im Jahr des Sportevents boomte die Wirtschaft förmlich – das BIP legt um fast sechs Prozent zu, im Jahr darauf um über fünf Prozent. Dem Rausch folgte der Absturz. Eine Immobilienblase platzte und über Jahre wuchs die Wirtschaft nur schwach.

Berlins Schulden stiegen von unter 40 auf fast 60 Prozent des BIP im Jahr 1996. Mit einer einzigen Ausnahme schaffte Deutschland damit bereits ab 1997 nicht mehr das selbst gesetzte Ziel der Euro-Zone, das eine Staatsverschuldung von 60 Prozent vorsieht. Heute liegt sie bei 80 Prozent.

Immerhin: Die Bundesregierung zeigte sich lernfähig – und nutzte die Euphorie zur Heim-WM 2006 clever dazu, die Staatskasse aufzufüllen: Noch während dem Event beschloss Berlin die grösste Steuererhöhung der bundesdeutschen Geschichte – die Mehrwertssteuer stieg dann Anfang 2007 von 16 auf 19 Prozent.