Seit dieser Woche startet die Schweizerische Nationalbank (SNB) jeden Morgen um 9 Uhr 15 eine Auktion. Eine Krisenintervention ist es. Versteigert werden dabei Dollar, jede Menge Dollar, zu güns­tigen Konditionen, rasch, unbürokratisch, via Telefon oder Computer. Die Nationalbank legt das vorgängig fest.

Um 9 Uhr 45 ist der Spuk jeweils vorbei, und schon 60 Minuten später ist klar, wer wie viele Dollar leihweise auf sein Konto eingebucht kriegt. Total über 700 Millionen waren es am Montag. Am Dienstag etwas weniger. Mitbieten dürfen Banken und einige grosse Versicherer. Sie sind der verlängerte Arm der SNB. Über sie versorgt die Nationalbank die Schweiz mit Dollar. Denn davon hat es im Moment überall auf der Welt zu wenig, auch in der Schweiz.

Stress im Markt

«Dollar Shortage» – kaum ein anderer Begriff macht derzeit so viele Buchhalter nervös. Abermilliarden von Dollar fehlen auf den Marktplätzen, um den Hunger der Firmen, der privaten Investoren, der Hedgefonds und selbst der Banken zu stillen. «Die Märkte funktionieren auch diese Woche noch nicht normal. Es gibt noch immer eine Unterversorgung mit Dollar», sagt Elias Hafner, Devisenmarktstratege bei der ZKB. Die Zentralbanken beschliessen derzeit Gegenmassnahmen fast im Tagesrhythmus.

Federführend ist – wie immer in Krisen – die amerikanische Notenbank Fed. Einige Rettungsprogramme lanciert sie in Eigenregie, bei Massnahmen gegen die globale Dollar-Knappheit ist sie auf das Zusammenspiel mit anderen angewiesen. Wie jetzt. Japan macht mit, Kanada, Grossbritannien, die Europäische Zentralbank ebenso – und die SNB.

Am Anfang der globalen Zusammenarbeit steht ein sogenannter Swap. Das ist ein Tauschgeschäft auf Zeit. Das Fed gibt der SNB Dollar (welche das Fed beliebig schöpfen kann) und erhält dafür Franken. Nach einer vereinbarten Zeit, zum Beispiel nach drei Monaten, werden die gleichen Summen vollumfänglich zurückgetauscht. So besteht für niemanden ein Wechselkursrisiko, aber während dieser drei Monate hält die SNB nun Dollar in den Händen, die sie weitergeben kann. Das tut sie mit den Auktionen. Und macht diese so schmerzfrei wie möglich: Die Kosten für die Auktionsteilnehmenden wurden re­duziert, die maximale Leihdauer dafür ­erhöht. Seit Krisenbeginn bezogen die Finanzinstitute total 3,6 Milliarden Dollar.

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Weg mit all den Risiken

Das Phänomen kommt nicht aus dem Nichts. Bereits letzten Herbst gab es Anzeichen im US-Markt für Repos (Dollar-­Darlehen über Nacht), wonach der Dollar-Markt «gestresst» sei, dass es nicht genügend Dollar zum Kaufen oder Borgen gibt, ohne happige Aufschläge bezahlen zu müssen. Kritisch wurde es allerdings erst vor drei Wochen, als zahlreiche Wirtschaftsakteure wegen der Corona-Krise gleichzeitig mit dem Abbau von Risiken begannen: etwas Aktien hier verkaufen, ­etwas weniger Hochrisikodarlehen da. Cash ist King, vor allem die globale Reservewährung Dollar. Natürlich begannen die Kurse anderer Vermögenswerte auf breiter Front abzustürzen.

Und setzten damit eine Negativspirale in Gang. All jene privaten Personen und Hedge­fonds, die Geld geborgt hatten, um im Boom noch mehr in Aktien und Obligationen investieren zu können, erhielten von den Banken einen Margin Call. Sie mussten Geld nachschiessen, deshalb meistens ­Dollar kaufen und hierfür weitere Wertschriften abstossen, was schliesslich sogar sichere Papiere wie US-Staatsanleihen ins Wanken brachte.

Dollarliquidität und einbrechende Geschäftstätigkeit

Verlören diese Anleihen in kurzer Zeit substanziell an Wert, gäbe es an den Finanzmärkten kein Halten mehr. Hinzu kamen die Firmen aus der Realwirtschaft. «Einerseits brauchen sie Dollarliquidität, um ihre Schulden in Dollar zu bedienen», sagt Hafner. Anderseits antizipierten Firmen, dass nun wegen einbrechender Geschäftstätigkeit weniger Dollar reinkommen.

Am 16. März stand es fünf vor zwölf. Und das Fed und die SNB begannen, frische Dollar zugänglich zu machen. Das verminderte die unmittelbarsten Friktionen und sollte unter anderem den Abverkauf von Staatsanleihen mindern. Auch die SNB-Auktionen tragen ihren Teil zur Beruhigung bei. Denn die Banken und deren Kunden kommen so zu Dollars, ohne dass sie Wertpapiere verkaufen müssen. Sie müssen sie lediglich als Sicherheit hinterlegen.

Dass die SNB im Konzert der Grossen mitmischt, hat nicht primär mit dem Dollarbedarf der typischen Schweizer Unternehmen zu tun. «Bei diesen ist der Dollar-Liquiditätsbedarf geringer als in an­deren Ländern, da sich Firmen hier vorwiegend in Franken und nicht in Dollar verschulden», so Hafner von der ZKB. Der Franken-Raum bietet tiefere Zinsen, was die Finanzierung in der Heimwährung attraktiv macht.

Auktionen bis auf Weiteresa

«Zentral für die SNB bei den Dollar-Swaps mit dem Fed dürfte die Bedeutung des Schweizer Finanzplatzes und der Schweiz als internationaler Firmenstandort sein», sagt Hafner. Der Dollar spielt als Welt-Reservewährung auf allen Finanzplätzen eine besondere Geige. Schon nur weil die meisten Rohstoffe in Dollar gehandelt werden. Auf über 12'000 Milliarden Dollar belaufen sich die in Dollar gehaltenen Assets ausserhalb der Fed-Jurisdiktion. Die Nachfrage nach dem Dollar treibt natürlich auch dessen Preis nach oben. Das zeigte sich am Dollarkurs in den letzten Wochen gegenüber anderen Währungen.

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Die Dollar-Auktionen der SNB waren im Dezember 2007 zu Beginn der Finanzkrise ins Leben gerufen worden. 91 Mal gingen sie bis 2009 über die Bühne. Dann ruhten sie fast durchgehend. Bis letzte Woche. Im Internet hat die Nationalbank schon mal die nächsten 28 Termine bis Ende Mai publiziert.