Die Regierungen vieler westlicher Länder – darunter sicherlich die Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland, vielleicht Grossbritannien und bald auch ein Grossteil der rest­lichen Euro-Zone – sollten sich aktiv an Lohnverhandlungen beteiligen, besonders für die Geringverdiener.

Japan kämpft seit 15 Jahren mit schwachem Wachstum, stagnierender Haushaltsnachfrage (besonders ­unter ärmeren Familien), steigender Ungleichheit und Armut. Ähnlich geht es inzwischen den USA. Dies trug entscheidend dazu bei, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde.

Populismus-Verstärker

Ohne erhebliche Erhöhungen – insbesondere der vorgeschriebenen Mindestlöhne – wird in den meisten westlichen Volkswirtschaften der Populismus weiter an Auftrieb gewinnen und das Wachstum am Boden bleiben. Und auch die Ungleichheit wird weiter wachsen – nicht nur bei Einkommen und Wohlstand, sondern auch beim politischen Mitspracherecht. Und die Ver­suchung, kurzsichtige Lösungen wie die Schliessung von Grenzen und die Einführung protektionistischer Massnahmen zu verfolgen, wird immer grösser.

Auf meinen Vorschlag, die Regierungen sollten eingreifen, damit gering qualifizierte Arbeit besser bezahlt wird, werden manche tief durchatmen und einstimmig verkünden, ich müsse verrückt sein. Ob ich denn nicht wisse, dass höhere Mindestlöhne zu Arbeitslosigkeit führen können? Ob ich nicht gehört hätte, dass der «Aufstieg der Roboter» Arbeitsplätze vernichtet?

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Die Antwort auf die Fragen ist: Doch! Aber Massnahmen müssen an die Rahmenbedingungen angepasst werden und sie müssen die unterschiedlichen Inter­essen verschiedener Gruppen widerspiegeln. Und die momentanen Bedingungen ebenso wie die Bedürfnisse der «Zurückgelassenen» deuten darauf hin, dass das Undenkbare denkbar geworden ist.

Das Undenkbare ist denkbar geworden

Der Hauptgrund, warum Regierungen zögern, Löhne festzulegen, ist die Erinnerung an die gescheiterten Lohnkontrollen während der Zeit hoher Inflation in den 1970er Jahren. Aber auch das Lobbying der Firmen, die argumentieren, ihre Wettbewerbsfähigkeit hänge von billigen Arbeitskräften ab, spielt eine Rolle. Und auch die Regierungen haben Interesse an tiefen Löhnen, da der öffentliche Sektor viele Mindestlöhner beschäftigt.

Trotzdem ist es an der Zeit, einen mutigen Schritt zu wagen. Denn die Risiken eines höheren Mindestlohnes sind wahrscheinlich nicht so hoch wie angenommen – zumindest nicht im Moment. Sicherlich gibt es Zeiten, in denen Lohn- und Gehaltserhöhungen die Beschäf­tigungslage gefährden können. Aber die heutige Zeit ­gehört nicht dazu: In den Ländern wie den USA, Japan, Deutschland und Grossbritannien herrscht beinahe Vollbeschäftigung.

Was in diesen Ländern wirklich gefährlich werden könnte, ist nicht die steigende Arbeitslosigkeit, sondern stagnierende Löhne, da so die Haushaltsnachfrage am Boden bleibt und die Unternehmen vom Investieren abgehalten werden. In den USA haben die niedrigen Mindestlöhne dazu geführt, dass Millionen arbeitsfähiger Menschen sich gar nicht erst die Mühe machen, eine Beschäftigung zu suchen. Dies trägt sicherlich zu einer geringeren offiziellen Arbeitslosenquote bei, hilft aber der Wirtschaft nicht.

*Bill Emmott The Wake up Foundation, früherer
Chefredaktor des «Economist»